Frisch Gelesen Folge 244: Die viereckige Welt der Kubixe

»Kubix: Lebewesen von kubischer Form und grüner Farbe. Da ihre Beine und Arme einziehbar sind, lassen sie sich gut stapeln.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Die viereckige Welt der Kubixe

Story: Éléonore Douspis
Zeichnungen: Éléonore Douspis

Jacoby & Stuart
Hardcover │ 56 Seiten│ Farbe │ 14,40 €
ISBN: 978-3-96428-109-8

Genre: Parabel, Humor, Kinderbuch

Für alle, die das mögen: Die Shadoks (Zeichentrickserie), »Im Land der viereckigen Eier« (Donald-Duck-Geschichte von Carl Barks, 1949), »Zurück ins Land der viereckigen Eier« (Donald-Duck-Geschichte von Don Rosa, 1989)



Die Preisfrage lautet: Wo leben die Kubixe? Laut Éléonore Douspis irgendwo auf der Welt, eingezwängt zwischen Bergen und dem Meer, in der viereckigsten aller Städte. Die grünen Kubixe sehen mit ihrer quadratischen Form putzig aus und ernähren sich ausschließlich von grünem Obst und Gemüse, woraus ihre Farbe resultiert. Weniger schön klingt aber das ihnen angedichtete Naturell, zumindest in der deutschen Übersetzung, denn »ihr Denken entspricht der Form ihres Gehirns«. Später werden wir sehen, dass viele Kubixe aufgrund ihrer besonderen Statur vierkantige Dinge einfach gerne haben – und mit anderen Geometrien extrem fremdeln. Und leider auch richtige Quadratschädel sein können. Die Kubixe sind so intelligent wie wir und starten sogar eine Rakete in den Erdorbit. Dort erleben die Astronauten aber eine große Überraschung, denn die Erde ist ja kugelförmig. Das ist für sie zwar nicht so schön, denn sie gingen davon aus, dass die Erde kantig ist. Sie verschließen sich dieser Tatsache jedoch nicht und beweisen damit, dass sie in der Regel keine Flat-Earth-Anhänger sind.


Die Anatomie der Kubixe. Beachtenswert: Die Geschlechter unterscheiden sich durch die Haartracht.
Ein weiblicher Kubix hat fünf Haare, ein männlicher zwei.


Das grundsätzliche Setting weckt wohlige Erinnerungen an zwei Donald-Duck-Abenteuer, die von Carl Barks und Don Rosa in jeweils verschiedenen Jahrzehnten geschaffen wurden. Beide drehen sich um sonderbar kantige Lebewesen, die viereckige Eier legen und fernab unserer Zivilisation zusammen mit ebenso merkwürdig geformten Menschen leben. Doch damit enden auch die Ähnlichkeiten, denn besagte Geschichten sind einfach nur ausgezeichnete Unterhaltung, während Douspis zusätzlich andere Inhalte vermittelt. Dazu aber später mehr. Die Kubix-Geschichten sind stellenweise sehr witzig und erinnern damit entfernt auch an die mehr oder weniger sinnbefreite, aber äußerst unterhaltsame und skurrile TV-Trickserie Die Shadoks, die in den Endsechzigern startete. Aber auch nur entfernt.


Tja, leider ist die Erde nicht eckig! Aber wenn alles doofe Rundliche beseitigt wird, dann wird es auf dem Boden schon deutlich heimeliger… und eckiger.


Bei den Kubixen dagegen bleibt einem manchmal das Lachen im Hals stecken. Wie gesagt, Kubixe sind grün, weil sie entsprechend gefärbte Nahrung zu sich nehmen. Das ist aber für viele recht langweilig, woraufhin besondere Restaurants eröffnen, die revolutionäre Fusion-Gerichte präsentieren: so mit Bananenscheiben, blauen Pilzen, Zitronen und so. Eine lukullische Offenbarung, die aber nicht unproblematisch ist, da sich die Hautfarbe eines Kubix nach dem zügellosen Genuss derartiger Spezialitäten drastisch verändern kann. Zum Beispiel ins Gelbliche. Das ist politisch aber nicht gewollt, und so werden von der Norm Abweichende mit Gefängnis und kulinarischer Umerziehung bestraft. Schlecht ergeht es auch denen, die körperlich von der Norm abweichen und nicht exakt gleichkantig sind. Von den Ordnungshütern werden diese dann als »grenzwertig« bezeichnet. Aber zum Glück lassen sich nicht alle davon beeindrucken. Es gibt eine Art unorganisierten kleinen »Untergrund«, bei dem von anderen Zuständen geträumt werden darf. Ein Kubix wäre sogar »am liebsten von vielen Sternen« bedeckt. Sehr extravagant!


Keine Frage, die Kubixe sind technisch äußerst begabt.


Éléonore Douspis spricht mit ihren eckigen Protagonisten sowohl junge bis sehr junge Leser an als auch Ältere, was angesichts des politischen Inhalts erstaunlich ist. Der Comic kann also auch als Kinderbuch genutzt werden. An vielen Stellen sind die Gleichnisse schnell zu erkennen, an anderen kann und sollte über das Erzählte ausgiebig diskutiert werden. Ist dies aber eingeplant, dann dürfte einem beiderseitigen Lesegenuss nichts im Wege stehen. Douspis Strich ist übrigens sehr schön anzusehen. Die Kubixe sind einfach nur putzig!


Merke: Kubixe wirken unhöflich. Aber offenbar sind sie nur sehr ängstlich.


Diese Arbeit kann zweierlei interpretiert werden. Als fesselnde Unterhaltung für Groß und Klein, aber auch als Werk einer Künstlerin, die auf diese Art Zeichen gegen Ausgrenzung, Rassismus und totalitäre Staaten setzt. Der Stoff hat es in sich. Das fällt aber erst auf, nachdem die Geschichte peu à peu an Tiefe gewinnt und immer düsterer wird. Denn die Kubixe finden eine Möglichkeit, die Welt außerhalb ihrer Stadtmauern ihrem geometrischen Ideal anzupassen; das Runde also irgendwie ins Eckige zu pressen. Würfelige Elefanten? Klingt irgendwie nicht so schön. Aber keine Angst, Éléonore Douspis kriegt mit einem hübschen Finale – so viel sei verraten – locker die Kurve.


Nicht so cool! Mit »neuen« Tier-Modellen wird die ungewohnte Welt außerhalb der Stadt kantig. Mal sehen, was den Kubixen noch so einfällt.

[Walter Truck]

Abbildungen © 2021 Jacoby & Stuart / Éléonore Douspis


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Oder beim Verlag: Jacoby & Stuart

Frisch Gelesen Folge 243: Rorschach 1 & 2

 

»Lieber Wil, ich hatte heute vor, mich umzubringen, aber dann wollte ich Ihnen schreiben und hab es gelassen. Ich bin neunzehn. So alt wie Mary Shelley. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das schon geschrieben hab. Beste Grüße Laura«

Frisch Gelesen Folge 242: Freak Brothers 1

Voll auf Droge: die Freak Brothers.

»Nun, ich für meinen Teil werde diesen Sommer mit Dope rauchen, Dope essen, Dope trinken verbringen und so mein Bewusstsein erweitern.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Freak Brothers Gesamtausgabe 1

Story: Gilbert Shelton (u. Dave Sheridan, Paul Mavrides)
Zeichnungen: Gilbert Shelton (u. Dave Sheridan, Paul Mavrides)

avant-verlag
Hardcover | 320 Seiten | s/w u. Farbe | 39,00 €
ISBN: 978-3-96445-054-8

Genre: Alternativ, U-Comics, Comics für Erwachsene

Für alle, die das mögen: Raymond Martin, Volksverlag, 60er und 70er Jahre, Fat Freddy's Cat, Studentenbewegung, Charles Bukowski, Fritz the Cat, Robert Crumb, Gerhard Seyfried



Jetzt soll es nicht zur Tradition werden, Rezensionen mit irgendwelchen alten Geschichten anzufangen. Aber dieses Mal muss es dann doch sein. 1980 hatte der knapp neunzehnjährige Benedikt Taschen in Köln in der Lungengasse den – meines Wissens nach – ersten reinen Comicladen aufgemacht. Damit wurde Köln für mich zum Mekka, war es doch erstmals möglich, nach Herzenslust in amerikanischen original Comicheften zu stöbern und unter fachkundiger Beratung zu kaufen. Und das war dann auch mein erster Kontakt mit den Fabulous Furry Freak Brothers. Unvergessen auch das anachronistische Aufeinandertreffen der älteren Herren Shelton, Crumb und Seyfried mit amerikanischen Superhelden und frankobelgischer Comickunst auf dem Münchner Comicfestival 2013. Glückliche – auch ältere Herrschaften – durften dann sogar im gleichen Raum mit den Künstlern in der Paulaner Brauerei das eine oder andere Bier zu sich nehmen.

Vielleicht ein wenig zu viel Historie, bevor es zu dem eigentlichen Gegenstand der Rezension kommt, aber letztendlich sind die Freak Brothers genau das – eine durchaus dicke Reise in die Vergangenheit.


Dicke Reise in die Vergangenheit: eine Feier der 60er mit Sex, Drugs and Rock 'n' Roll.


Etwa zeitgleich mit den Studentenunruhen der 68er Jahre (»Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren«) war die Geburtsstunde der Fabulous Freak Brothers. Die Freak Brothers – Phineas, Freewheelin' Franklin und Fat Freddy – waren der Gegenentwurf zum Establishment: arbeitsscheu, gammelig, chaotisch, langhaarig und auf der ständigen Suche nach Drogen, kurz gesagt: der Inbegriff des Hippies. Auch politisch konnte man sie pauschal als sozialistisch, kommunistisch und anarchisch einstufen. Sie wurden so zu einer Blaupause für einen großen Teil der damaligen Jugend. Vielleicht ist auch nur so der – für damalige Verhältnisse – große Erfolg der Comics aus einem kleinen Verlag wie Rip Off Press zu erklären.


Kleinteilige Comics, für deren Konsum starke Brillengläser durchaus von Vorteil sind.


Inhaltlich drehen sich die oft kurzen Geschichten im Wesentlichen wirklich nur darum, den Tag möglichst ohne Arbeit, Verantwortung und zugedröhnt zu verbringen und gleichzeitig der allgegenwärtigen Staatsgewalt zu entgehen. Neben den drei Protagonisten dürfen natürlich die unterschiedlichen Nebenfiguren wie Fat Freddy's Kat, die allgegenwärtige, militärisch organisierte Kakerlakenarmee oder der völlig verblendete Undercover-Spitzel Notorischer Norbert nicht unerwähnt bleiben, die wie ein Running Slapstick immer wieder die Geschichten bereichern. Fat Freddy´s Kat hatte es dann sogar zu einem »eigenen« Comic gebracht, der für Leser mit guten Augen oder ganz starken Brillengläsern am unteren Rand der eigentlichen Geschichten angeheftet war und eher komisch als in irgendeiner Beziehung kritisch war.


Wenn's zur Sache geht, gibt's aber auch mal ganzseitige Panels.


Mehrere Jahrzehnte später mag das alles ein wenig angestaubt klingen – für Spätgeborene, die sich nicht mehr vorstellen können, dass Comics der Subkultur zugerechnet wurden und das Berlin-Kreuzberg einst als Zentrum der Alternativbewegung und Hausbesetzerszene galt, mögen die Freak Brothers das Artefakt einer längst vergangenen Zeit sein. Für alle anderen – wie mich – ist dieser erste Band der Anfang einer längst überfälligen Gesamtausgabe. Ob Zweitausendeins, Volksverlag oder Rotbuch, die bisherigen Veröffentlichungen waren immer nur ein – vielleicht auch gut gemeintes – Stückwerk.

Leider habe ich nicht mehr den direkten Vergleich, aber ursprünglich wurden die Geschichten der Freak Brothers nicht nur von Gerhard Seyfried, sondern auch von Harry Rowohlt übersetzt. Warum auch immer gibt es in diesem Band eine neue Übersetzung von Lutz Müller, die ohne direkten Vergleich aber keine wirklichen Schwächen offenbart – und möglicherweise dann doch weniger anachronistisch ist.

Alles in allem eine mehr als gelungene Veröffentlichung, für die man sich einfach auch ein wenig mehr Zeit nehmen sollte (und eine Lupe).

[Stephan Schunck]

Abbildungen © 2021 avant-verlag / Gilbert Shelton


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Frisch gelesen Folge 241: Sunny 3

»Ich kann nicht dein Vater sein. … Tut mir sehr leid …«


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Sunny, Band 3

Story: Taiyo Matsumoto
Zeichnungen: Taiyo Matsumoto

Carlsen Manga
Softcover | 224 Seiten | s/w | 16,00 €
ISBN: 978-3-551-75459-2

Genre: Manga, Kindheitsdrama, Coming-of-Age-Storys

Für alle, die das mögen: Ausnahmemanga mit europäischem Einfluss



Es ist ein seltenes Gut, wenn ein Comiczeichner gleichzeitig als Ausnahmekünstler gilt und im Mainstream angekommen ist. In Japan gilt Taiyo Matsumoto als solch ein Mangaka. Seine Manga lassen sich nicht in Schubladen einordnen, und sein Zeichenstil ist facettenreich und passt sich seinem Sujet an. Besonders bemerkenswert ist, dass er es im Laufe seiner Karriere immer wieder sehr erfolgreich geschafft hat, sich dem Diktat der japanischen Verlage zu entziehen. Durch die übliche Veröffentlichungsweise eines Mangas mit je einem Kapitel pro Erscheinungsturnus des Magazins wird auf die Mangaka seitens des Verlags viel Druck ausgeübt bezüglich der Deadlines. Und auch die Leserschaft kann recht konkret auf den inhaltlichen Verlauf Einfluss nehmen, indem sie spezifische Rückmeldungen zu konkreten Charakteren oder Handlungssträngen macht. Matsumoto genoss hier schon sehr früh einen Sonderstatus. So erschien sein Einzelband GoGo Monster nicht vorab in einem Magazin, was eine Rarität auf dem japanischen Comicmarkt ist.


Die Beziehung zwischen den erwachsenen Erziehungsberechtigten und den Kindern wird durchgehend als herzlich und warm dargestellt.


Auch wenn Matsumoto als sehr vielseitiger Mangaka gilt, gibt es doch ein Thema, dessen er sich immer wieder annimmt: auf sich gestellte Kinder, die mit der Komplexität des Erwachsenwerdens zurechtkommen müssen. Eltern kommen in seinen Erzählungen nur als farblose Randfiguren vor, was aber in vielen Teenagermanga förmlich eine Notwendigkeit ist, um eine Charakterentwicklung gewährleisten zu können. Bei Matsumoto ist es aber mehr. Es ist eine schmerzende Leerstelle, es ist kein »Hurra, niemand schreibt mir vor, wann ich ins Bett muss«. Der Hintergrund hierzu schlummerte lange Jahre im Verborgenen und offenbarte sich erst durch sein neuestes und persönlichstes Werk Sunny. Hier wird in Episoden die Geschichte der Sternkinder erzählt, Kinder die in einer ländlichen Gegend Japans in den 1970er Jahren in einem Kinderheim aufwachsen. Manche sind Waisen, die meisten aber wurden von ihren Eltern im Heim abgegeben, aus den unterschiedlichsten Gründen. Mit der Veröffentlichung von Sunny teilte Matsumoto erstmalig der Öffentlichkeit mit, dass er selbst als Kind in einem ähnlichen Heim gelebt hat, in das er von seiner Mutter gebracht wurde. Er betont, dass es sich bei der Geschichte nicht um eine Autobiografie handelt, viele Charaktere und Episoden aber an Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpfen. Ganz besonders jedoch sind die emotionale Tiefe und der scharfe Blick auf die verletzte Kinderseele wie auch die stark aus Kindersicht geprägte Handlungsweise der Eltern, die meist gar nicht gut wegkommen, wohl sehr authentisch und zeugen von dem tiefen Trauma, das die Separierung von der Mutter in Matsumoto erzeugt hat.


Makio – das erwachsene Sternkind – ringt nach Zugehörigkeit.


In seinen Zeichnungen lehnt Matsumoto seit jeher digitale Techniken ab und arbeitet strikt analog. Der Einsatz von Rasterfolien oder anderer gängiger visueller Mittel des Mangas liegt ihm fern. Trotzdem durchläuft sein Stil permanente Änderungen. So ist in Sunny zu bemerken, dass er einen weichen Strich verwendet und Aquarelltechniken einsetzt. Das ist besonders beeindruckend an der wilden Mähne der Brüder Junsuke und Shosuke zu sehen, deren eigenwilliger Charakter dadurch stark betont wird. Der Manga erhält durch diesen Stil eine Art Weichzeichnereffekt, der zu diesem gewissen nostalgischen Rückblick passt, den Matsumoto hier vornimmt. Denn trotz allem zeichnet er ein gutes Bild vom Heimleben mit bemühten und liebevollen Heimmitarbeiterinnen und -mitarbeitern und einem starken Zusammenhalt unter den Heimkindern.

Der dem Manga namensgebende Datsun Sunny 1200, ein altes Autowrack, das den Kindern als Rückzugsort dient, in dem sie ihren Fantasien gleichermaßen wie ihrer Trauer und ihren Träumen freien Lauf lassen können, spielt im dritten Band nur noch eine untergeordnete Rolle. Spannend ist, dass hier nun auch andere Charaktere als nur die Kinder des Heims in den einzelnen in sich geschlossenen Kapiteln beleuchtet werden – der uralte, greise Direktor oder sein, wie es scheint, Protegé Makio, der in dem Heim aufgewachsen ist, aber doch immer wieder zu ihm zurückkehrt. Eine weitere Geschichte lässt die Star Kids tatsächlich zu kleinen Stars werden, in dem ein Kamerateam eine Reportage über sie dreht. Am Ende werden sie aber wieder in ihre Realität zurückgeholt, dass sie eigentlich keine Chancen haben, dem Leben als Heimkinder zu entfliehen. Besonders dramatisch ist die Erzählung um die bereits erwähnten Brüder Junsuke und Shosuke, die ihre todkranke Mutter besuchen dürfen. Junsuke lebt die Flucht vor seiner Realität in der Form aus, dass er mit seinem kleinen Bruder ein Kaufhaus für sich erobert. Doch auch in dieser sehr traurigen Episode schafft es Matsumoto wie im gesamten Manga, nicht kitschig zu werden, die alles überlagernde Melancholie nicht aus dem Blick zu verlieren und seine teils tief erschütterten und traumatisierten Charaktere nicht schwach oder ohne Hoffnung erscheinen zu lassen.


Die Klarheit in ihrem Kindsein macht die Besonderheit der Charaktere Matsumotos aus.


In vielerlei Hinsicht erinnert mich Sunny an Astrid Lindgrens Wir Kinder aus Bullerbü. Eltern kommen hier auch nur als Randfiguren vor und in kleinen Episoden erfahren wir aus dem Alltag der Kinder, der so vor sich hinfließt, ohne dass wirklich nennenswertes passiert. Nur wo sich Lindgren in Kitsch und der schwedischen Version von Hygge ergeht, zeugt Sunny von Reife und Tiefe, zeigt uns Figuren, die uns wirklich berühren und deren Erlebnisse, so nichtig sie auch auf den ersten Blick wirken, in uns nachhallen.

[Mechthild Wiesner]

Abbildungen © 2021 Carlsen Manga / Taiyo Matsumoto / Shogakukan


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Oder beim Verlag: Carlsen

Frisch Gelesen Folge 240: Snow, Glass, Apples

 In Neil Gaimans Neuinterpretation eines bekannten Märchens schlummert das Unbewusste unter der Oberfläche.

»Die kleine Prinzessin presste ihren Mund auf meine Hand, leckte, saugte und trank.«


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Snow, Glass, ApplesBereits Colleen Dorans Titelbild sieht vielversprechend aus.

Story: Neil Gaiman
Zeichnungen: Colleen Doran

Splitter
Hardcover | 64 Seiten | Farbe | 19,80 €
ISBN: 978-3-96792-031-4

Genre: Märchen

Für alle, die das mögen: Der Fluch der Spindel, Märchen (für Erwachsene), Art nouveau und Art déco



Es war einmal ... vor gar nicht allzu langer Zeit. Als in London Olympische Spiele gefeiert wurden, nahm ich in Dublin im Bewley's Cafe unter wundervollen Glasmalereien Platz und trank einen Tee. Im selben Sommerurlaub besuchte ich eine Ausstellung über deren Schöpfer, den irischen Glasmaler und Buchillustrator Harry Clarke (1889-1931), – wo genau, ob in Dublin, Cork oder andernorts auf der Grünen Insel, erinnere ich nicht mehr. Obwohl das keine zehn Jahre zurückliegt, erscheint die erste Begegnung mit Clarkes Werk wie eine Erinnerung aus einem anderen Leben, wie auch seine Bilder jenseitig anmuten. Colleen Doran hat ihre Zeichnungen an Clarkes vom Art déco, vor allem aber vom Art nouveau beeinflussten Stil orientiert. Eine passende Wahl, um eine Geschichte aus Neil Gaimans Feder zu illustrieren, muten die Storys dieses modernen Mythen- und Märchenerzählers doch ebenfalls wie aus einer Zwischenwelt an.

Dorans Zeichnungen orientieren sich an den Illustrationen und Glasmalereien des Iren Harry Clarke ...


Die große Kunst des 1960 geborenen Briten besteht darin, uns nichts vollkommen Neues zu erzählen. Im Grunde macht das jeder Autor so, doch bei Gaiman, so scheint es, schimmern die Sagen, Mythen und Märchen, die Schauer-, Kriminal- und Fantasyromane, die alten und neuen Götter und Helden, aus denen er seine Ideen schöpft, stärker durch als bei anderen. Seine Geschichten sind kunstvolle Geflechte aus Allusionen und Similaritäten, aus Referenzen und Reverenzen. Meist variiert Gaiman Altbekanntes nur minimal. Der Dreh, den er dafür findet, ist jedoch so entscheidend, dass es uns nicht langweilt, sondern fasziniert.

... und erinnern an die Kunst des Jugendstils.


Gaimans berühmteste Serie Sandman ist voll davon. Bei der Lektüre von Snow, Glass, Apples kommt einem noch ein anderer Comic in den Sinn, der wie der vorliegende strenggenommen gar kein Comic ist. Auch in Der Fluch der Spindel (Knesebeck, 2015) erzählt Gaiman das Märchen Schneewittchen neu, verwebt die Geschichte aber – wie es der Titel bereits vermuten lässt – mit einem zweiten Märchen: Dornröschen. Und macht aus den zwei Prinzessinnen emanzipierte Frauen, die nicht darauf warten, von einem Mann wachgeküsst zu werden. Für die Comicversion hat Gaiman nicht eigens ein Szenario geschrieben. Zeichner Chris Riddell hat schlicht und einfach und in sehr feinen, an Kupferstiche erinnernden Zeichnungen Gaimans ein Jahr zuvor veröffentlichte Kurzgeschichte illustriert.

Chris Riddell setzte eine andere von Gaimans Märchen-Neuinterpretationen ganz anders um. Seine Zeichnungen erinnern an Kupferstiche.


Die Kurzgeschichte, die Snow, Glass, Apples zugrunde liegt, ist noch älter. Erstmals wurde sie 1994 veröffentlicht und von Charles Vess illustriert. Auch in Gaimans Kurzgeschichtensammlung Smoke and Mirrors (1998) war sie enthalten und erschien 2002 in einer limitierten Auflage für ein Hörspiel ein weiteres Mal, diesmal mit Illustrationen von George Walker. Colleen Dorans Umsetzung, die sie in einem zehnseitigen und mit Skizzen versehenen Anhang erläutert, ist nicht nur die am umfangreichsten, sondern auch die am schönsten illustrierte:

Colleen Dorans Zeichnungen füllen auch imposante Doppelseiten wie diese.


Es war einmal ... vor gar nicht allzu langer Zeit. Als in Tokio Olympische Spiele gefeiert wurden, nahm ich zu Hause in meinem Lesesessel Platz, Snow, Glass, Apples in die Hand und trank einen Tee. Bei der Lektüre hielt Gaiman für mich gleich mehrere Drehs und Wendungen bereit. Aus der Perspektive von Schneewittchens Stiefmutter erzählt, kehrt er die Rollen um. Die vermeintlich böse Königin ist eine gute, auf das Wohl ihrer Untertanen bedacht und im Grunde selbst noch ein Kind. Was Gaiman aus ihrem Stiefkind macht, sei an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: In diesem ungeheuerlichen Update, das den Grausamkeiten der Märchen der Brüder Grimm sehr viel näherkommt als deren kindgerecht aufbereitete Disney-Varianten, gehen Blutdurst und Geschlechtslust Hand in Hand und nehmen einige düstere Abzweigungen. Manche davon erschrecken auf den ersten Blick, sind letzten Endes aber nur konsequente Auslegungen dessen, was unter der Oberfläche des Originalmärchens im Unbewussten schlummert.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann morden sie noch heute.

[Falk Straub]

Abbildungen © 2021 Splitter / Neil Gaiman, Colleen Doran
Abbildung (aus Der Fluch der Spindel) © 2015 Knesebeck / Neil Gaiman, Chris Riddell


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Oder beim Verlag: Splitter

 

 

 

Frisch Gelesen Folge 239: Gejagt

 

»Ich dachte, du würdest bei den Black Panthers mitmachen.«
»Ich hab's versucht, aber das war nichts für mich. Die sind mir zu chauvinistisch.«


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Gejagt – Die Flucht der Angela Davis

Story: Fabien Grolleau
Zeichnungen: Nicolas Pitz

Cross Cult
Hardcover │ 136 Seiten│ Farbe │ 25,00 €
ISBN: 978-3-96658-342-8

Genre: Biografie

Für alle, die das mögen: Biografien von politisch aktiven und interessierten Personen wie Gegen mein Gewissen (avant-verlag), Jein (Jaja) oder Im selben Boot (Schreiber & Leser)


Ende der 40er Jahre sind in Nordamerika goldene Zeiten angebrochen: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, die Wirtschaft brummt und alles ist in Butter. Scheinbar. Denn die Verheißungen des amerikanischen Traums gelten nicht für alle. Schwarze Bürger werden weiterhin durch die herrschende und gesetzlich verankerte Rassentrennung unterdrückt. In diese Welt wird Angela Davis 1944 geboren, wächst in Birmingham, Alabama auf und lernt schon früh, mit den täglichen Schikanen zu leben. Zum Beispiel, ja schön mit gesenktem Kopf an Gesetzeshütern vorbeizuschleichen, um Aufmerksamkeit oder unangenehme Fragen zu vermeiden. »So ist das nun mal, gewöhn dich lieber daran«, wird sie von ihren Freundinnen auf dem Weg zur Schule instruiert. Aber Angela ist durchaus ein aufmüpfiges Kind oder besser: ein Kind, das Ungerechtigkeiten nicht klaglos hinnimmt. Diese nachvollziehbare Unfolgsamkeit hat aber beinahe fatale Folgen. Eines Tages stellt sie sich einer Truppe von Ku-Klux-Klan-Anhängern in den Weg, die mit einem Auto auf sie zurasen. Nur der beherzte Sprung der Mutter rettet ihr das Leben. Nein, Birmingham ist nicht für jeden ein schöner Ort. Ein Viertel wird sogar »Dynamite Hill« genannt, weil Rassisten Wohnhäuser Schwarzer Familien in die Luft sprengen.


Angela Davis ist bereits mit fünf Jahren mutig. Aber einfach nur Kind. Denn ein heranbrausender Wagen kann so nicht gestoppt werden. Egal, ob der Ku-Klux-Klan an Bord ist oder nicht.


Nicolas Pitz untermalt dies mit schönen realistischen Zeichnungen, gestaltet diese aber angenehm zurückhaltend, sodass Bild und Text niemals miteinander konkurrieren. Seine Kolorierung ist in angenehmen Brauntönen gehalten und es dauert eine Weile, bis es auffällt, dass diese herbstlichen Farben außerordentlich gut zu der immer bedrückender werdenden Geschichte passen. Fabien Grolleaus Geschichte liest sich zunächst wie ein beschwingtes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Außenseitern und Sicherheitsorganen, bis einem – zum Glück – schnell in den Sinn kommt, dass alles auf Davis' Leben bis in die frühen 70er basiert. Grolleau beschwört aber nie eine Black-Power-Romantik, sondern schildert anhand dokumentierter bekannter und vielleicht weniger geläufiger Fakten dieses bewegte Leben.


Treffende, aber verstörende Illustration: Amerika steht in Flammen.


Das Amerika von damals stand in Flammen, zumindest aus der Sicht der Schwarzen Bevölkerung. Der Weiße Teil wollte das überwiegend so nicht sehen, manche bemerkten die Entwicklungen eventuell wirklich nicht, viele andere übten sich in selbstgefälliger Ignoranz und Verdrängung. Wie »lästig« das Thema damals war, zeigt Grolleau anhand von FBI-Chef J. Edgar Hoover, dem Davis zunächst relativ schnuppe ist, der dann aber, vorsichtig ausgedrückt, aufhorcht, weil sie Kommunistin ist. Die Reaktion kommt prompt: Er erklärt sie zum Staatsfeind. In den USA kann jeder alles Mögliche sein, ein »Roter« bestimmt nicht.


»Schlimm« genug, dass Angela Davis Schwarz ist, aber als J. Edgar Hoover hört, dass sie Kommunistin ist, hört bei ihm der Spaß so richtig auf.


Grolleau und Pitz machen Lust darauf, Angela Davis' Leben zu erkunden. Sie beschreiben eine Frau, die im Hier und Jetzt verankert ist und idealistischen Träumen eher nicht nachhängt. Bei den Black Panthers war sie nur für kurze Zeit, weil ihr diese zu chauvinistisch waren und sie keinen Bock darauf hatte, diese »aus dem Hintergrund« zu unterstützen. Das Heimchen am Herd, das ist nichts für sie. Ab 1969 war sie, wie in dieser Graphic Novel geschildert, Dozentin an der University of California in Los Angeles, bis ihr 1970 der Vertrag gekündigt wurde, weil sie Mitglied der Kommunistischen Partei der USA war. Doch damit war ihre akademische Karriere nicht zu Ende. Von 1975 bis 1977 lehrt sie African American Studies am Claremont College und ist heute emeritierte Professorin an der University of California in Santa Cruz.


Angela Davis ist geschockt. Sie erfährt, dass Martin Luther King bei einem Attentat ums Leben kam.


Am Schluss keimt die Erkenntnis, dass es gut ist, dass es Menschen wie Angela Davis gibt, die sich für die Rechte der Schwarzen Bevölkerung einsetzen, um die Welt, platt ausgedrückt, ein wenig besser zu machen. Außerdem rückt dieser Band in den Fokus, dass dieser Freiheitskampf nach so vielen Jahrhunderten immer noch anhält und ein positives Ende immer noch in Sicht ist. Tolles, nachdenklich stimmendes Album!

[Walter Truck]


Der »American Dream« ist, leider, nur ein »White Only Club«.

 

Abbildungen © 2021 Cross Cult / Fabien Grolleau, Nicolas Pitz


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Frisch Gelesen Folge 238: Das Schicksal der Winczlav 1

»Vanko Winczlav. Aus welchem finsteren Loch kommt jemand mit so einem Namen?«


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Das Schicksal der Winczlav Band 1: »Vanko 1848«

Story: Jean Van Hamme
Zeichnungen: Philippe Berthet

Schreiber & Leser
Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 14,95 €
ISBN: 978-3-96582-063-0

Genre: Historie

Für alle, die das mögen: Hopfen und Malz



Seit mehr als 30 Jahren feiert die Comicserie Largo Winch im franko-belgischen Raum Erfolge, die hierzulande nur schwer vorstellbar sind. Der Plot um den Erben des W-Imperiums, ersonnen vom genialen Jean Van Hamme und nicht minder begeisternd umgesetzt von Philippe Francq, fasziniert jede Lesergeneration aufs Neue. Mit schwindelerregenden Auflagen konnte jedes neue Album punkten. Das änderte sich auch nicht, als Van Hamme 2017 ankündigte, den Stift bei Largo Winch zur Seite zu legen und die Serie einem Kollegen anzuvertrauen. Kein Wunder also, dass der belgische Verlag Dupuis überlegte, wie man die Kuh Largo noch weiter melken könne. Aber anders als bei Van Hammes anderem Megaerfolg XIII – verlegt beim Konkurrenten Dargaud – ging man bei Dupuis nicht dazu über, in einer eigenen Reihe einzelne Charaktere der Serie genauer vorzustellen (vermutlich gab die oberflächliche und auf Action und schöne Frauen basierende Handlung da zu wenig Material her), sondern der Verlag konzentrierte sich auf die Frage: Wie entstand das W-Imperium? Mit anderen Worten: In dem Ableger sollte die Geschichte der Vorfahren von Largo erzählt werden. Das dann für La Fortune des Winczlav (so der Originaltitel) sogar wieder Van Hamme mit an Bord war, dürfte die größte Überraschung sein.


In der Neuen Welt angekommen: Vanko Winczlav, seine Frau Jenny und ihr Sohn.


Der belgische Starautor führt uns in das Jahr 1848 nach Montenegro. Hier im Balkan lebt der Arzt Vanko Winczlav. Aufgrund seines politischen Engagements muss er in die Neue Welt fliehen. Auf dem Weg nach Amerika lernt er die Bulgarin Veska kennen, die er mitnimmt und kurzerhand heiratet. In Amerika bringt Veska einen kleinen Sandor zur Welt, den sie nicht aufziehen will, und das Paar trennt sich. Vanko, der in dem Privatkrankenhaus, in dem er arbeitet, ein hohes Ansehen genießt, wird von der Krankenschwester Jenny verführt, mit der er einen weiteren Sohn haben wird. Wenig später führt der Tod einer Patientin bei der Geburt dazu, dass Vanko wegen Mordes und illegaler Ausübung der Medizin vor Gericht gestellt wird, da er seine fachliche Ausbildung nie nachweisen konnte. Vanko wird daraufhin inhaftiert, und seine beiden erwachsenen Söhne sind nach dem Tod ihrer Mutter auf sich allein gestellt.


Parallelen zu alten Werken: die Rache an Vankos Ankläger.


Die auf drei Bände angelegte Erzählung erinnert mitunter an Van Hammes fast vergessene Serie Hopfen und Malz (erschienen bei comicplus+ in einer bibliophilen dreibändigen Gesamtausgabe), in der er über eine Bierdynastie schreibt. Hier wie dort wird in jedem Band das Schicksal einer neuen Generation geschildert und um die Anlehnung komplett perfekt zu machen, besteht bei beiden Serien der Titel jeweils aus der Jahreszahl und einem wichtigen Ort der Erzählung. Auch die Rache an Paterson, der Vanko ins Gefängnis brachte, weist deutliche Paraellen auf: eingekerkert in einem dunklen Verlies für 15 Jahre.

Und noch mit einem weiteren Werk gibt es Gemeinsamkeiten. Mit dem Titel der Serie lehnt sich Jean Van Hamme unweigerlich an Émile Zola und seinem 1871 erschienen Roman La Fortune des Rougon an. Zola beginnt mit diesem Werk seinen monumentalen 20-bändigen Rougon-Macquart-Zyklus – eine Familiengeschichte. Doch auch wenn Van Hamme seine Version kaum auf 20 Bände anwachsen lassen wird, sind die Parallelen offensichtlich, denn auch bei Zola beginnt die Geschichte damit, dass ein junges Liebespaar am Abend politischer Unruhen nachts aus einer Stadt aufbricht.


Steifheit des Strichs: Philippe Berthets Actionszenen überzeugen nicht.


Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Van Hamme nichts von seinem erzählerischen Können eingebüßt hat. Seine Geschichte ist solide strukturiert und besteht aus einer Reihe von Windungen, die dem Plot Tiefe geben. Es gibt keine tote Zeit und die Jahre vergehen fließend. Dabei fehlen natürlich nicht die typischen Stilmittel Van Hammes wie etwa schöne Frauen, Affären oder sexualisierte Gewalt. Kritiker werden wohl sagen, dass es eine Geschichte von der Stange ist, die der Belgier vermutlich an einem Abend verfasst hat. Das Szenario gibt sich keine Mühe mit Feinheiten. Positiv ausgedrückt heißt das, dass Van Hamme genau das macht, was er kann: eine spannende Geschichte erzählen.


Zwei von Van Hammes typischen Stilmitteln: schöne Frauen und Affären.


Die Wahl von Philippe Berthet für die Zeichnungen erweist sich als klug und bricht auf angenehme Weise mit Francqs Stil. Seine Eleganz passt perfekt zur Geschichte, mit Ausnahme der wenigen Actionszenen, an die sich die relative Steifheit seines Strichs nicht gut anpasst. Der Leser fühlt sich da mitunter an die Augsburger Puppenkiste erinnert.

Das Schicksal der Winczlav ist, was es ist: ein ultraklassischer, gut gemachter Comic.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2021 Schreiber & Leser / Jean van Hamme, Philippe Berthet


Kauft den Comic im gut sortierten Comicfachhandel: CRON-Händlerverzeichnis

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Frisch Gelesen Folge 237: Luba Wolfschwanz 2

Luba Wolfschwanz 2 Teaser

»Zum Kalakon! Wie sollen wir in dem Gestrüpp die Wolfschwänzin finden?«

Frisch Gelesen Folge 236: The Killer Inside 1

The Killer Inside Teaser

»Ich soll gemordet haben? Davon weiß ich nichts … ich habe nichts getan …«

Frisch gelesen Folge 235: GoGo Monster

»Wie dem auch sei … Nicht mehr lange und sein Interesse für die andere Welt wird verfliegen, Frau Nakao. Er wird wohl bald schon vergessen haben, dass er sie überhaupt sehen konnte.«


FRISCH GELESEN: Archiv 


GoGo Monster

Story: Taiyo Matsumoto
Zeichnungen: Taiyo Matsumoto

Reprodukt
Hardcover | 458 Seiten | s/w | 29,00 €
ISBN 978-3-95640-253-1

Genre: Surrealistisches Coming-of-Age-Drama

Für alle, die das mögen: Tekkon Kinkreet, Dead Dead Demon's De De De De Destruction, Rote Blüten



Wer sich GoGo Monster anschafft, wird es selten lesen. Und das ist keine besonders gewagte Vorhersage. Denn wie bei so vielen tiefgehenden wie verstörenden Meisterwerken der Popkultur (siehe Schöpfer wie Scott Walker oder Yorgos Lanthimos) lassen sich die mehr als 450 Seiten dieses Manga nur schwer in ihrer ganzen Wucht aushalten. Fast jede Szene, jedes Panel brennt sich in die Seele ein. Dafür sollte das Nervenkostüm während der Lektüre möglichst knitterfrei sei. Aber was war vom 53-jährigen Taiyo Matsumoto sonst zu erwarten?


Taiyo Matsumoto erzählt erneut eine schwermütige Geschichte ...


Der Japaner schuf bereits mit Tekkon Kinkreet und Sunny schwermütige Manga, deren Melancholie sich vornehmlich durch die Atmosphäre ausdrückte. Im Original erschien GoGo Monster bereits vor mehr als 20 Jahren beim japanischen Verlag Shōgakukan. Die englischsprachige Ausgabe kam knapp zehn Jahre später bei VIZ Media heraus und ist mittlerweile vergriffen. Was an der Qualität dieses Manga liegt, aber sicherlich auch an der Aufmachung. Denn Papier und Umschlag gehören bereits zur Geschichte. Und die gibt sich alle Mühe, ihre Leserinnen und Leser auszusperren.


... die sich alle Mühe gibt, ihre Leserinnen und Leser auszusperren.


Der Schüler Yuki Tachibana kann Monster sehen. Das Grauen befindet sich in einer Etage seiner Grundschule, die gesperrt wurde. Und die Monster scheinen das Chaos in die Schule und die Umgebung der Schüler zu bringen. Dass Yuki durch diese Ansichten zum Außenseiter an seiner Schule wird, weil weder Lehrer noch andere Schüler:innen seiner Fantasie folgen können, ergibt sich da von selbst. Doch die Welten verschmelzen, die Erzählperspektive springt und schnell bekommt das, was wir sonst Realität nennen, erste Risse.


Erste Risse in der Realität.


Es ist die Frage, wie weit Leserinnen und Leser diesen Bruch mitgehen. Denn bisweilen fehlt bei GoGo Monster einfach die Orientierung, das, was eine klassische Geschichte ausmacht. Doch gerade dieses Gefühl des freien Falls während des Lesens macht GoGo Monster zu so einem Ereignis. Besonders da sich Taiyo Matsumoto keinen zeichnerischen Konventionen des Manga unterwirft. Die Gesichter sind nicht überzeichnet, sondern stellenweise realistisch unangenehm in ihrem Ausdruck. Daneben spielt er über das Layout perfekt mit der Erzählzeit, entzieht der Geschichte ihre Dynamik, um für einen klaustrophobischen Effekt zu sorgen. Manchmal bleibt nur noch die Frage: Wie komme ich hier selbst wieder aus dieser Geschichte raus?


Doch gehen die Leserinnen und Leser diesen Bruch mit?


Denn GoGo Monster fühlt sich wie ein Labyrinth an, eine verschachtelte Erzählung, die um eine Mitte kreist, die Matsumoto aber nie preisgibt. Krähen sprechen, die Finsternis triumphiert und Kinder verstecken ihren Kopf unter einem Pappkarton. So pflanzt Matsumoto seine Geschichte in den Köpfen der Leserinnen und Leser fort. Selbst wer nur die ersten fünfzig Seiten dieses Manga liest, wird nicht mehr losgelassen, sondern heimgesucht von dieser zauberhaft widerspenstigen Geschichte und ihren Charakteren, die manchmal wie Nebenfiguren der Atmosphäre erscheinen. Matsumotos leicht spröder Strich tut sein Übriges, um GoGo Monster zu einem traumwandlerischen Erlebnis zu machen. Und so wie die ganze Geschichte ist, endet sie auch: Am Ende bleibt nur noch die Stille. Sie wird sich nach diesem Manga nie mehr so anhören wie vorher.

[Björn Bischoff]

Abbildungen © 2021 Reprodukt / Taiyo Matsumoto


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