Abt: Legendenbildung
Dupuis stoppt Auslieferung von »Gringos Locos«
Die Anfang des Jahres im belgischen Spirou-Magazin vollendete und mit einer vielversprechenden Ankündigung erfolgte Vorveröffentlichung von Gringos Locos (wir berichteten) darf möglicherweise nicht als Album erscheinen.
Seit Herbst 2011 haben Szenarist Yann und Zeichner Olivier Schwartz die (fiktiven) Abenteuer der drei Zeichner Jijé (d.i. Joseph Gillain), Franquin und Morris auf ihrer legendären Reise durch die USA und Mexiko Ende der 1940er Jahre in einer 46-seitigen Comic-Geschichte nacherzählt. Neben bereits bekannten Anekdoten wurde die Reise, an der auch Jijés komplette Familie mit Frau Annie und den drei Kindern teilnahm, mit allerlei erdachten Anekdoten und komischen Situationen ausgefüllt, die offensichtlich frei erfunden sind. Dabei haben diese Ideen, darunter auch eine von Jijé vorweg genommene Erfindung des Marsupilamis oder Franquins Spinnereien zu einer mexikanischen und vor allem nicht jugendfreien Ausführung von Gaston, durchaus ihren Reiz. Die beiden Künstler berufen sich, neben bekannten Fakten aus persönlichen Gesprächen mit Jijé, Franquin und Morris, vor allem auch auf Unterhaltungen, die sie mit den drei Kindern von Jijé führten. Deutsche Leser können eine Reihe dieser Anekdoten auf den redaktionellen Seiten der Jerry Spring Gesamtausgabe von Ehapa nachlesen.
Gestern nun haben Jijés Nachfahren, nachdem sie erst durch eine weitere Vorveröffentlichung der Geschichte in der belgischen Zeitung »Le Soir« erfahren haben wollen, die Auslieferung der bereits gedruckten Albumausgabe verhindert, die für den 27. Januar, und damit termingerecht zum 39. Internationalen Comic-Salon in Angoulême, geplant war. Der Dupuis Verlag sitzt damit auf 35.000 bereits gedruckten Büchern, die möglicherweise in den Reißwolf wandern müssen, wenn keine Einigung erzielt werden kann. Und danach sieht es zur Zeit nicht aus, denn neben Jijés Kindern hat sich nun auch Franquins Tochter Liliane eingeschaltet, die alles andere als erfreut über die »nicht autorisierte« Biographie ihres Vaters sein soll. Und von der Witwe des 2001 verstorbenen Morris reden wir noch gar nicht …
Es wäre schade, wenn diese überaus witzige und von Olivier Schwartz grandios gezeichnete »Tour de Farce« der drei Comic-Legenden über ihre Vorveröffentlichungen in Magazinen hinaus nicht erscheinen könnte. Denn es ist nicht nur eine tolle Hommage, sondern zeigt auch, welche Möglichkeiten im Comic schlummern, aus der Realität eine stimmungsvolle und adäquate Fiktion zu machen. Mal ganz abgesehen davon, was die zuletzt abgedruckte Ankündigungsseite für die zweite Episode »Crazy Belgians« verspricht:
© Dupuis - Schwartz 2011



