»Auf dir liegt also ein Fluch, sagst du? Der liegt auf der ganzen Welt.«
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Regie: Hayao Miyazaki
Wild Bunch
JP, 1997 | 134 Minuten | Farbe | FSK: 12
Kinostart: 12.02.2026
Genre: Animationsfilm, Abenteuer, Fantasy
Für alle, die das mögen: Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984), Das Schloss im Himmel (1986), Die Chroniken von Erdsee (2006)
Abenteuer im Zauberwald
Prinzessin Mononoke kommt als Wiederaufführung zurück ins Kino
Wer sich auch nur ansatzweise für das Thema Animationsfilm interessiert, dem sind das japanische Studio Ghibli und dessen berühmtester Vertreter Hayao Miyazaki ein Begriff. Klassiker wie Mein Nachbar Totoro (1988), Die letzten Glühwürmchen (1988; unter Regie von Isao Takahata), der oscarprämierte Chihiros Reise ins Zauberland (2001) oder eben Prinzessin Mononoke (1997) haben den Kreis eingefleischter Animefans längst verlassen und sind inzwischen auch jenseits der Grenzen Japans bei einem breiten Publikum angekommen. Was nicht nur, aber nicht zuletzt eben auch auf eine leichtere Verfügbarkeit der Filme zurückzuführen ist. In Deutschland sind die Ghibli-Werke bei verschiedenen Anbietern auf DVD und Blu-ray sowie bei diversen Streamingplattformen als Leih- oder Kaufversion erhältlich. Und wer ein Netflix-Abonnement besitzt, kann den kompletten Katalog an abendfüllenden Animationsfilmen aus dem Hause Ghibli sogar »umsonst«, also als im Abo inkludierte Flatrate streamen. Vor gar nicht allzu langer Zeit sah das noch ganz anders aus.
Der Film, der das Studio Ghibli in der westlichen Welt endgültig auf die Landkarte setzte, war Prinzessin Mononoke (1997). Die Geschichte über den verfluchten Prinzen Ashitaka, der auf der Suche nach Heilung weit in den Westen reist und dort zwischen die Fronten eines Krieges zwischen der Herrin Eboshi und den Tiergöttern rund um das Wolfsmädchen San gerät, gilt bei Fans wie Kritikern gleichermaßen als Meisterwerk – und spielte in Japan so viel Geld ein, dass Prinzessin Mononoke dort noch vor Titanic (1997) zum bis dato erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte. Ungeachtet dieses finanziellen Erfolgs in seinem Herkunftsland und obwohl der Film in Deutschland bereits im Februar 1998 im Zuge der 48. Berlinale erstmals über die Leinwand flimmerte, dauerte es weitere drei Jahre bis zum April 2001, bis Prinzessin Mononoke regulär in den deutschen Kinos anlief. Mit nur 35 Kopien gestartet und hauptsächlich in Programmkinos versteckt, brachte es der Film bundesweit allerdings auf gerade einmal 70.000 Zuschauer.
Jenseits des großen Teichs sah es nicht viel besser aus. Die Walt Disney Studios, die den weltweiten Vertrieb des Films übernommen hatten, reichten den US-Verleih an ihre Tochterfirma Miramax unter Leitung der Weinstein-Brüder weiter. Unter deren Federführung wurde der Film nicht nur als Arthaus-Film, anstatt als Film für die ganze Familie, vermarktet, Harvey Weinstein versuchte auch, den Film massiv zu kürzen, was ihm zum Glück nicht gelang. Ein Erfolg wurde Prinzessin Mononoke trotzdem nicht. An den US-Kinokassen spielte er gerade einmal 2,3 Millionen US-Dollar ein.
Der Gott des Waldes besitzt magische Heilkräfte
Aus heutiger Sicht erscheinen Harvey Weinsteins Bestrebungen beinahe absurd. Um die Jahrtausendwende dürften sie aber durchaus Sinn ergeben haben, denn ein Film wie Prinzessin Mononoke muss in der von den USA dominierten Zeichentrick-Landschaft wie ein Schock gewirkt haben. Die gesamten 1990er-Jahre waren von animierten Disney-Musicals von Die Schöne und das Biest (1991) und Aladdin (1992) über Der König der Löwen (1994) bis zu Tarzan (1999) geprägt. Hayao Miyazakis Film hatte jedoch weder eingängige Songs zum Mitsingen zu bieten, noch war er leichtverdauliche Kinderkost. Mit komplexen Handlungssträngen und einer Laufzeit von 134 Minuten überschritt er besagte Disney-Filme allesamt um mehr als 40 Minuten. (Was für Zeichentrickfilme des Studios Ghibli übrigens keine Seltenheit ist. Schon Das Schloss im Himmel und später auch Chihiros Reise ins Zauberland übertreffen die Zwei-Stunden-Marke.) Und während keiner der Disney-Filme in Deutschland eine Altersbeschränkung hat, ist Prinzessin Mononoke erst ab 12 Jahren freigegeben. Nur für Erwachsene oder gar nur für ein Programmkino-Publikum ist der Film deswegen aber noch lange nicht.
Das Mädchen San, Prinzessin Mononoke genannt, lebt mit den Wölfen ...
Knapp 30 Jahre nach seiner Weltpremiere kommt dieses Meisterwerk jetzt noch einmal als Wiederaufführung in die Kinos. Eine restaurierte 4K-Version aus dem Jahr 2025 macht es möglich. Und wer die Gelegenheit hat, den Film noch einmal oder vielleicht sogar zum allerersten Mal auf der großen Leinwand zu sehen – ob allein oder gemeinsam mit den (nicht mehr ganz so kleinen) Kindern oder Enkelkindern, ob in einem normalen Kino oder im Idealfall in einem IMAX-Saal –, der sollte die Gelegenheit unbedingt nutzen! Hayao Miyazakis Meisterwerk, dessen Ursprünge übrigens bis an die Anfänge der 1980er-Jahre zurückreichen und dessen Story sich in Ansätzen in Miyazakis erst 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in Deutschland publiziertem Manga Shunas Reise wiederfindet, hat nichts von seiner Kraft, Wucht und Magie verloren. Ganz im Gegenteil funkelt dieses fantastisch angehauchte Abenteuer dank der Restaurierung noch faszinierender von der Leinwand herab.
Ob man den Film dabei als Öko-Parabel interpretiert oder schlicht und ergreifend als märchenhafte Geschichte ohne tiefere Botschaft auffasst, ist egal. Denn der Film funktioniert auf beide Weisen und für jedes Publikum, das sich für gut erzählte Geschichten voller überzeugender Charaktere begeistern kann. Was an diesen besonders auffällt, sind die starken Frauenfiguren, die den Film dominieren. Prinz Ashitaka ist im Grunde nur ein Medium, das zwischen zwei verfeindeten Seiten vermittelt. Und die (vermeintliche) Prinzessin, die dem Film ihren Namen gibt, also das Wolfsmädchen San, könnte von der typischen Disney-Prinzessin kaum weiter entfernt sein; bzw. tritt bei Disney mit Mulan (1998) erst kurze Zeit später in Erscheinung. Auch hier war Hayao Miyazaki seiner Zeit voraus. Sein Film indessen wird zeitlos bleiben.
[Falk Straub]
... und weiß, sich zur Wehr zu setzen
Abbildungen © 2026 Wild Bunch Germany
