Frisch Gelesen Folge 293: Noir Burlesque

»Ich bin deinem Parfüm gefolgt. Du bist hinreißend. Ich weiß nicht, ob ich dich töten oder küssen soll.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Noir Burlesque 

Story: Enrico Marini
Zeichnungen:
Enrico Marini

Carlsen Comics
Hardcover | 104 Seiten | s/w u. Rot | 24,00 €
ISBN: 978-3-551-76390-7

Genre: Krimi, Film noir

Für alle, die das mögen: Raymond Chandlers Philip Marlowe, Dashiell Hammetts Sam Spade, Leo Malets Nestor Burma



Es gibt unzählige Filme, Romane und Comics, die einen über die Jahre begeistern, faszinieren und nachhaltig fesseln. Wahrscheinlich fallen gerade jetzt jedem Hunderte gute Beispiel ein. Bei mir ist es so, dass ich dann an die klassischen frankobelgischen Comics (Spirou, Tim und Struppi etc.), Romane und Erzählungen von Charles Bukowski, Leo Malets Nestor Burma, Patricia Cornwells Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta oder Filme wie L.A. Confidential und natürlich die Star-Wars-Saga denke. Wenn ich noch weiter zurückgehe, erinnere ich mich an Raymond Chandler und seinen Philip Marlowe, der mit mehreren Romanen und Filmen unterschiedlichster Qualität und Hauptdarsteller in die Geschichte eingegangen ist. Humphrey Bogart, James Caan oder Elliott Gould – um nur einige zu nennen –, aber kaum einer hat den eher glücklosen und desillusionierten Privatdetektiv so glaubhaft dargestellt wie seiner Zeit Robert Mitchum in Fahr zur Hölle, Liebling von 1975. Genau an diesen Typus des Antihelden erinnert auch der Protagonist von Noir Burlesque, selbst wenn die Hauptfigur in Enrico Marinis neuem Comic kein Schnüffler ist.


Ein Mann kehrt heim und geht seinen Weg: Terry B. Cole- Slick ...


Terry B. Cole- Slick kehrt nach Jahren in Europa zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges zurück in die USA und wird dort nicht nur mit seiner kriminellen Vergangenheit konfrontiert. Während er versucht, die Schulden seines Bruders abzuarbeiten, trifft er auf seine frühere große Liebe, Debbie Hollow, die sich mittlerweile Caprice nennt. Caprice ist aktuell mit dem Gangsterboss Rex liiert und macht sich große Hoffnung, mit dessen Beziehungen außerhalb ihres aktuell schlüpfrigen Business – der Burlesque – eine großartige Hollywoodkarriere machen zu können. Slick, hin- und hergerissen zwischen den alten (und wohl andauernden) Gefühlen für Debbie, der Vergangenheit und einer abschreckenden Zukunft hat noch eine weiter Baustelle offen, die Rache an Zizzi. Wer hinter diesem Namen steckt, bleibt zunächst verborgen.


... und trifft auf seine Ex, die sich mittlerweile Caprice nennt.


Ausreichend Zündstoff ist also gegeben, Cliffhanger inklusive, und so bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich auf den zweiten Teil zu freuen. Und das meine ich ernst. Die ersten knapp 100 Seiten sind mehr als vielversprechend. Marini ist in der Lage, ein echtes Chandler-Gefühl zu erzeugen, man fühlt sich nach kürzester Zeit in die Vergangenheit und mithin in die alten Filme zurückversetzt.

Dazu trägt natürlich auch die verhaltene Farbgebung bei. Noir Burlesque ist eigentlich ein Schwarzweiß-Comic, rote Farbtupfer (die Haare von Caprice, das Kleid einer Hure, der Beutel gestohlener Diamanten oder ein Auto) setzen spezielle Akzente, wie man es vielleicht noch aus Frank Millers Sin City kennt.


Echtes Chandler- und Film-noir-Feeling: Enrico Marinis beeindruckende Zeichnungen.


Tatsächlich bin ich ein voreingenommener Fan von Marini, der mit diesem Comic sicherlich ein kleines Meisterwerk vorlegt. Wenn man dennoch etwas kritisieren möchte, sind es die ewig gleichen Physiognomien der Protagonisten seiner Serien. Ob Gipsy, Der Skorpion, Raubtiere, Der Stern der Wüste oder Die Adler Roms immer hat man das Gefühl, alte Bekannte zu treffen. Auf der einen Seite ist das wohl ein echtes Markenzeichen, auf der anderen Seite würde ich mir ein wenig mehr Abwechslung, das heißt Individualität einzelner Personen wünschen. Das soll aber der einzige Kritikpunkt bleiben, der aus meiner Sicht auch nicht allzu schwer wiegt.

Marini beweist mit diesem zynischen und pessimistischen Szenario, dass er sich nicht festlegen lässt. Ob Historie, Western oder wie zuletzt Superhelden (BatmanDer Prinz der Nacht), er beherrscht jedes Genre auf einzigartige und spielerische Weise, dass es eine wahre Freude ist.


Beherrscht jedes Genre: Auch der Hardboiled-Krimi geht Marini leicht von der Hand.


Nachdem er bei vielen der genannten Comics mit Szenaristen zusammengearbeitet hat (Thierry Smolderen, Stephen Desberg oder Jean Dufaux), besinnt sich Marini offensichtlich zunehmend darauf, in Personalunion als Zeichner und Szenarist zu arbeiten. Nach Die Adler Roms und Batman ist Noir Burlesque ein weiteres Beispiel für einen erfolgversprechenden Alleingang – und zugleich ein wirklich überzeugendes.

[Stephan Schunck]

Abbildungen © 2021 Marini - Dargaud Benelux / © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2022


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