»Tatsächlich waren paläolithische Jägerinnen sehr gesund. [...] Die Paläoanthropologie kam zu der Erkenntnis, dass erst die Erfindung der Landwirtschaft und Viehzucht vor 9000 Jahren zu einer erhöhten Säuglingssterblichkeit führte.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Die Frau als Mensch Band 2: »Schamaninnen«![]()
Story: Ulli Lust
Zeichnungen: Ulli Lust
Reprodukt
Hardcover | 304 Seiten | Farbe | 29,00 €
ISBN: 978-3-95640-494-8
Genre: Sachcomic
Für alle, die das mögen: Die kochenden Affen (avant-verlag), Sapiens (C.H. Beck)
Es ist eigentlich eine Utopie, von der Ulli Lust in diesem Buch erzählt. Nur dass sie in der fernen Vergangenheit liegt, in der Frühgeschichte des Menschen vor rund 20.000 bis 30.000 Jahren. Lange hieß es, die Menschen hätten damals ständig ums Überleben gekämpft, gegen die unbarmherzige Natur, aber auch gegen andere Menschen, die sich ebenfalls durchschlagen mussten. Doch in »Schamaninnen«, dem zweiten Band des Sachcomics Die Frau als Mensch, sieht das Leben zu dieser Zeit ganz anders aus: Die kleine Gruppe, deren Alltag immer wieder gezeigt wird, zieht durch ein Gebiet, das sie gut kennt und von dem sie weiß, wann und wo sie genug Nahrung für alle findet – Hunger ist in dieser Welt kein Thema.
Auch sonst scheint sie gut versorgt: Die Menschen sind angemessen gekleidet, leben in gemütlich wirkenden Hütten, die sie leicht abbauen und woanders wieder aufbauen können, und kommen auch mit gesundheitlichen Problemen zurande. Vor allem aber wirkt der Alltag allgemein sehr friedlich und der Umgang äußerst sozial. Alle Mitglieder der Gruppe haben ihren Platz und sind stets auf eine gesunde, stressfreie Art beschäftigt. Sie sammeln und jagen, bauen und kümmern sich, gemeinsam und für die Gemeinschaft. Gewalt ist überhaupt kein Thema. Wozu auch? Alle kommen gut zurecht und haben keinen Grund, miteinander zu kämpfen.
Gut möglich, dass Ulli Lust das damalige Leben idealisiert, doch was sie erzählt, basiert auf aktuellen Forschungsergebnissen, die dem alten Bild der Frühzeit massiv widersprechen. Damit schließt sie an den ersten Band der Reihe an, der die Rolle der Frau in dieser Zeit thematisierte. Auch in dem Band, der im vergangenen Jahr als erstes Comic überhaupt zum Sachbuch des Jahres gekürt wurde, verbindet Lust Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung zu einem Bild, das diametral zu alten Dogmen steht. Das ist mehr als eine Korrektur von Irrtümern – lange wurde mit den vermeintlich objektiven Erkenntnissen die »natürliche« Rollenverteilung von Mann und Frau begründet. Heute wissen wir: Die männlich geprägte Wissenschaft reproduzierte vor allem ihr eigenes patriarchales Weltbild.
Ein Oberthema dieses Bandes ist ebenso prägend für unsere Gesellschaft: der Kampf ums Überleben. Die alte These lautet: Die Menschen haben schon immer im Wettbewerb gelebt, der Egoismus ist in uns angelegt, und so entspricht der endlose Kampf im Kapitalismus unserer Natur. Doch das stimmt nicht: Der Mensch hat überlebt, weil er sich sozial organisiert hat. Das Leben mag nicht so idyllisch gewesen sein wie bei Ulli Lust, doch es basierte auf Gemeinschaften. Auf sich gestellt hätten die Menschen keine Chance gehabt und für Kämpfe gab es angesichts der winzigen Populationen, die sich problemlos aus dem Weg gehen konnten, keinen Grund. Der Homo oeconomicus ist nicht die Natur des Menschen, sondern die Natur des Psychopathen.
Die Frau als Mensch Band 2: »Schamaninnen« ist in vielerlei Hinsicht schöner, klüger und folgerichtig wesentlich radikaler als sein Vorgänger. Insbesondere visuell zeigt sich ein erstaunlicher Sprung, wie er von einer Künstlerin, die seit mehr als 30 Jahren Comics veröffentlicht, nicht zu erwarten ist. Lusts Strich wirkt gelassener und souveräner als noch im ersten Band und die Kolorierung ist grandios, gerade bei den oft ganzseitigen Landschaftsbildern, mit denen es ihr gelingt, die Schönheit der früheren Welt spürbar zu machen. Auch den Alltag der Menschen, etwa eine Geburt unter Frauen in einer warmen Hütte oder der Tod eines alten Mannes, bringt sie den Lesenden sehr nahe, obwohl diese Welt enorm weit von uns entfernt ist.
Natürlich geht es auch wieder um Frauen, diesmal, wie der Titel schon sagt, besonders um ihre Rolle als Schamaninnen. Das Wort lässt an Geisterbeschwörung oder Traumdeutung denken, aber damals war die Schamanin auch Ärztin, Hebamme, Ernährungsberaterin und Coach. Im Gegensatz zum ersten Band, in dem, wie im Sachcomic meist üblich, viel Wissen abstrakt vermittelt wird, gibt es diesmal mehrere feste Charaktere, über die der aktuelle Wissensstand lebensnah erzählt. Zu ihnen gehört die Schamanin Füchsin, die sich nicht wesentlich von den vielen Frauen unterscheidet, die noch heute alles können und alles tun, tagaus und tagein, lächelnd und gerne. Vielleicht ist das die Natur des Menschen?
Natürlich ist Füchsin auch die Erzählerin der Gruppe. Einer der Höhepunkte des Buches ist ein Märchen der Ewenken, eines indigenen Volks in Nordasien (Sibirien, Mongolei, China), das als klassische Entwicklungsgeschichte beginnt, dann aber seine scheinbar zielgerichtete Dramaturgie verliert und in einen Tanz von Anspielungen, Ideen und Bedeutungsebenen übergeht, der sich einer linearen Interpretation verweigert. Mich hat das an den Essay The Carrier Bag Theory of Fiction (Die Tragetaschentheorie des Erzählens) von Ursula K. Leguin erinnert, in dem die Schriftstellerin die These vertritt, dass das erste Werkzeug des Menschen die Tasche war, in der wir transportierten, was wir sammelten.
Leguin spricht in dem Essay von Geschichten, die wie Taschen funktionieren: statt einem linearen Spannungsbogen zu folgen, bieten sie viele unterschiedliche Elemente, die zwar zueinander in Beziehung stehen, aber keinen abschließenden Zusammenhang festlegen – es ist eher ein Tanz als ein Denkmal. Da passt auch zu diesem Comic: Zwischen Wissen aus der Forschung, Impressionen eines fernen Alltags, Landschaftsbildern und autobiografischen Erinnerungen der Autorin entsteht ein feines Netz, das viel mehr umfasst als seine einzelnen Bestandteile und Raum schafft für persönliche Erkenntnisse. Ein reiches Buch, das seine Schätze großzügig teilt.
[Peter Lau]
Abbildungen © 2026 Reprodukt / Ulli Lust
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