Featured

Frisch Gelesen Folge 480: Elisabeth Bathory

»Dreh dich um! Bist du schwanger?«


FRISCH GELESEN: Archiv


Königliches Blut: »Elisabeth Bathory – Die Blutgräfin«

Story: Jean-Pierre Pécau
Zeichnungen: Leo Pilipovic

Splitter
Hardcover | 56 Seiten | Farbe | 18,00 €
ISBN: 978-3-68950-025-2

Genre: Historie

Für alle, die das mögen: Dracula, Marquis de Sade, Mythen, Sagen



Comicschaffende sind Künstler. Ihr Antrieb, eine Geschichte zu erzählen, kommt aus ihnen selbst heraus; sie wollen etwas darstellen. Vielleicht wie in keiner anderen künstlerischen Gattung lebt die Neunte Kunst zusätzlich aber auch von Auftragsarbeiten. Ein Redakteur oder ein Verlagsleiter haben eine Idee zu einem Plot, von dem sie glauben, dass er Käufer anziehen könnte. Bei dem Band »Elisabeth Bathory – Die Blutgräfin« aus der Reihe Königliches Blut aus dem Splitter Verlag handelt es sich um eine ebensolche Entstehungsgeschichte und er offenbart die ganze Schwäche dieses Systems.

Worum es in dem Band geht: Elisabeth Báthory, eine ungarische Gräfin, die im 16. und 17. Jahrhundert lebte, ist eine der schaurigsten und umstrittensten Figuren der europäischen Geschichte. Bereits im Alter von 11 Jahren wurde sie mit dem Adligen Franz Nádasdy verlobt, den sie mit 14 Jahren heiratete. Da ihr Mann oft in den Türkenkriegen kämpfte, war sie größtenteils allein für die Verwaltung der ausgedehnten Ländereien der Familie verantwortlich. Es mehrten sich allerdings die Gerüchte über grausame Verbrechen, die sich auf ihren Ländereien ereignen sollten. Es wurde behauptet, sie habe Hunderte junger Frauen, meist Dienerinnen und Töchter aus dem niederen Adel, gefoltert und ermordet. Die Legende besagt, dass sie im Blut ihrer Opfer gebadet habe, um ihre eigene Jugend und Schönheit zu erhalten.

Ich kann mir das Gespräch zwischen den beiden kreativen Köpfen hinter dem Comicband, Jean-Pierre Pécau und Leo Pilipovic, und dem Verlag Delcourt, bei dem der Band im Original erschienen ist, gut vorstellen: »Macht mal was mit viel Blut, weiblichen Körpern, bei denen der männliche Comicleser sabbert, und so viel Grusel und Brutalität wie möglich.« Und schwups landeten Texter und Zeichner bei der legendären Elisabeth Báthory. Leider haben sie bei ihrer Arbeit ganz vergessen, sich auf die historischen Tatsachen zu stützen. Der Comic konzentriert sich auf die grausamen und blutigen Aspekte der Legende um die Gräfin. Sie wird als eine machtgierige und blutrünstige Frau dargestellt, die auch selbst zu den Waffen greift, um ihre Ziele zu erreichen. Die Darstellung ist explizit und enthält Gewaltszenen, weshalb der Comic nicht für alle Altersgruppen geeignet ist.

Natürlich greift sie in Pécaus Szenario auch nur so zum Spaß einfach mal zum Messer. So muss beispielsweise ihr junger, hübscher, unschuldiger Diener, den sie zwischendurch vernascht hat, in allerbester Sharon-Stone-Manier à la Basic Instinct (1992) das Zeitliche segnen. Geschenkt und unnötig. Zwei Seiten mit unnützem Zeug verschwendet, die gut zur historischen Einordnung gebraucht worden wären. Stattdessen zeigt der Comic in epischer Breite und mit vielen nackten Hinterteilen die Verbrechen der Gräfin und ihre Besessenheit von ewiger Jugend, die sie durch das Baden im Blut junger Frauen zu erreichen versucht haben soll.

Apropos Hinterteile: Die Darstellung der weiblichen Figuren folgt den Klischees, die aus vielen anderen Comicproduktionen bekannt sind. Pécau und Pilipovic beschränken sich auf Frauen mit schönen Rundungen, die besessen sind vom Gedanken an Sex und keine Spur von Ekel empfinden, wenn sie nach einem Drogenrausch mit der eigenen Tante im Bett landen und gleich da wieder weitermachen, wo sie glaubten, aufgehört zu haben. Gähn! Das ist langweilig und ich bin der Meinung, selbst der verklemmteste männliche Comicleser ohne Sozialkontakte, der diese Szenen noch erotisch finden könnte, ist längst ausgestorben.

Die beiden Comicschaffenden lassen die viel spannendere Frage, was nämlich wirklich dran ist an den Mythen, völlig außer Acht. Sicherlich wird zwar in dem Band erwähnt, dass Kreise von Elisabeth Báthorys abschließenden Isolationshaft profitiert haben, aber im Zentrum der Erzählung stehen Folter und Sadismus – Torture Porn. Positiv sind hingegen die dichte Atmosphäre und die beeindruckende visuelle Gestaltung der Geschichte. Zumindest das hinterlässt Spuren, die aber nicht über die inhaltlichen Schwächen hinwegtrösten können, weswegen ich lediglich vier von zehn Blutströmen vergebe.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2026 Splitter / Jean-Pierre Pécau, Leo Pilipovic


Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter