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Frisch Gelesen Folge 474: Ladybug

»Manchmal ist ein einziges ›Nein‹ wichtig.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Ladybug – Die Stadt der Bienen

Story: Federico Cacciapaglia
Zeichnungen: Federico Cacciapaglia

Jaja Verlag
Hardcover | 68 Seiten | Farbe | 22,00 €
ISBN: 978-3-948904-72-2

Genre: Fabel

Für alle, die das mögen: Kindercomics, die politische Werte vermitteln



Wenn ich an animierte Insekten denke, denke ich an eine bestimmte Biene, und diese Biene, die ich meine, die heißt, na ja, ihr wisst schon. So bekannt die in den 1970ern vom ZDF in Auftrag gegebene Trickfilmserie aus dem japanischen Studio Zuiyo Enterprise (Vorläufer des Studios Ghibli) ist, so unbekannt ist die Romanvorlage. Der deutsche Schriftsteller Waldemar Bonsels (1880–1952) veröffentlichte 1912 Die Biene Maja und ihre Abenteuer, eine Fabel um die neugierige und vorlaute Biene namens Maja, die viele Abenteuer erlebt und dabei unterschiedliche Wiesenbewohner trifft, die uns fast alle später auch in Animeform begegnen. Bonsels verwendete die Fabel der fleißigen Biene und des aktiven Bienenvolkes als Metapher auf den Staat. Ein Staat, der geschlossen ist, zusammenhält und mit Begeisterung für die gemeinsame Sache, nämlich die Rettung des restlichen Volkes vor den bösartigen Hornissen, in den Kampf zieht. Diese Thematik wie auch seine einschlägige Rhetorik fiel einige Jahre nach Veröffentlichung, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, auf fruchtbaren Boden. Später lasen es viele Soldaten als Trostlektüre an der Front.


Wie es sich für Bienen gehört, tanzen alle uniform denselben Tanz.

Damit hat die von Gott und der Fischer besungene Maja nichts zu tun. Wohl aber Ladybug – Die Stadt der Bienen von Frederico Cacciapaglia. Auch wenn sich der bekennende Antisemit Bonsels des Ausdrucks Faschismus zum Zeitpunkt der Entstehung von Die Biene Maja wohl noch nicht bewusst war, ist retrospektiv klar, dass seine Geschichte dem sich anbahnenden faschistischen Zeitgeist entsprach. Cacciapaglia wählt in seiner Fabel diese Metapher aber bewusst – und in seiner vollen Negativität. So begleiten wir die leicht naive Journalistin Ladybug, deren Ressort Pflanzen und Essen ist, und ihren Fotografen, die Rollassel Bill Bug, zu ihrem ersten großen Artikel. Sie sollen über die anstehende Wahl in der Bienenstadt berichten. Gleich zu Beginn wundern sie sich darüber, warum überhaupt eine Wahl abgehalten wird, da es ja eh nur eine Bienenkönigin gibt. Es wird klar, dass Bienenstadt eine geschlossene Gesellschaft ist. Die Bienen mögen keine anderen Insekten. An der streng bewachten Grenze wird deutlich, dass es aber sogar dabei Abstufungen gibt. Flügellose Insekten gelten als noch niedere Wesen als Insekten mit Flügeln. Deshalb wird der Fotograf Bill Bug direkt verhaftet und abgeführt.

Unsere arme Marienkäferdame ist nun ganz auf sich gestellt! Und obwohl alle Bienen sehr fleißig und fröhlich wirken, sind sie der Reporterin gegenüber extrem verschlossen und geben alle dieselben Floskeln wieder. Je honigsüßer sich die Bienen versuchen darzustellen, desto mehr begreift Ladybug, dass hier niemand seinen freien Willen kundtun kann. Schließlich lernt sie die Biene Sandra und ihre Partnerin, den Schmetterling Loreley, kennen, die als einzige lauten Protest von sich geben. Als sie miterleben muss, wie Loreley von der Bienenpolizei verschleppt wird, begibt sie sich in den Untergrund …


Der Widerstand beginnt!

Die Metapher des Bienenstaates eignet sich gut, um Kindern die einem faschistischen Regime typische Gleichstellung, das Vorgaukeln einer glücklichen und funktionierenden Gesellschaft und die Konsequenzen bei Nichteingliederung begreifbar zu machen. Auch wenn es an einigen Stellen sehr klischeehaft wirkt, ist es doch eine gelungene Heranführung an das Thema. Gerade die sehr cartoonesk und niedlich gezeichneten Insekten und die mehrfach eingefügten doppelseitigen Wimmelbilder, die das Leben in Bienenstadt zeigen, lassen spannende Brüche entstehen und laden zum Reden ein. Da fällt unser Marienkäfer schon sehr auf!

Da der Comic keinen Begleittext mitliefert, würde ich den Titel, der ab acht Jahren empfohlen ist, Kindern nicht allein an die Hand geben, sondern ihn begleitet lesen. Generell ist die Geschichte aber toll gezeichnet und rasant erzählt und zeigt in starken Bildern auf, was Faschismus mit Menschen macht und wie man sich gegen ihn wehren kann.

[Mechthild Wiesner]


Die heile Bienenwelt wird nur durch unsere Flugblatt verteilenden Revoluzzer gestört.

Abbildungen © 2026 Jaja Verlag / Federico Cacciapaglia


Kauft den Comic im gut sortierten Comicfachhandel oder beim Verlag: Jaja Verlag

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