»Du weißt vielleicht nicht, was zu tun ist, aber du weißt, wie du dich fühlst, und manchmal ist das alles, was wir brauchen.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Darcy van Poelgeest
Zeichnungen: Ian Bertram
Cross Cult
Hardcover │ 320 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-98666-783-2
Genre: Science Fiction, Action
Für alle, die das mögen: Little Bird, Bedlam, The Squirrel Machine, House Of Penance
Was sind gute Ideen? Jene Ideen, die Kreative nicht mehr loslassen. »Ich kann jede Idee umsetzen, wenn ich mich damit verbunden fühle«, sagte Darcy van Poelgeest in einem Interview auf seinem Substack. Nach dieser Devise gehört Precious Metal zu den sehr guten Ideen, angesichts der vielen schlaflosen Nächte, die sie dem Szenaristen bereitet haben muss.
Auf mehr als 320 Seiten entfaltet van Poelgeest mit Künstler Ian Bertram und Kolorist Matt Hollingsworth einen psychedelischen Traum aus Science Fiction, Action und Body Horror. Visuell erschlägt Precious Metal die Leser bereits nach wenigen Seiten. Ian Bertrams Gespür für Linien und Details erreicht mit diesem Band ein neues Niveau. Er ordnet seinen Stil noch stärker der Gesamtkomposition, dem Spiel zwischen Text und Bild unter; seine Striche wirken brüchiger und dunkler. Hollingsworth setzt schmutzige und schattige Farben ein. Alles mutet an wie durch einen stumpfen Filter betrachtet. Und die sehr gute Idee? Dass van Poelgeest und Bertram dieses Universum keinem klassischen Storytelling unterwerfen.
Dieser Comic funktioniert mit Assoziationen, Bruchstücken und Leerstellen. Wer Little Bird kennt, wird in diesem Prequel wenig erzählerische Orientierung in Form von klaren Aktstrukturen finden. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Aber es steht ja auf einer der letzten Seiten selbst: »Es ist nicht leicht, einen Anfang zu wählen. In vielerlei Hinsicht gab es nie einen. Also beginne ich am Ende.« Wer das sagt, lässt sich nicht eindeutig zuordnen.
Max Weaver erzählt mutmaßlich die Geschichte. (Für diese These gibt es Belege, aber auch Widersprüche im Comic.) Er arbeitet als Mod-Tracker, spürt modifizierte Individuen auf, verarbeitet die Trennung von Frau und Kind. All das vermischt sich zu einem wilden Wechsel aus verschiedenen Szenen. Anfangs spitzt es sich gleich zu, als Weaver einen Mod jagt, der Erinnerungen schaffen kann. Weaver verweigert die Auslieferung des Kindes, als er merkt, dass der Junge ihm beim Entschlüsseln seiner eigenen Vergangenheit helfen kann.
Dass Precious Metal in dieser Hinsicht keinen Sinn ergeben will, sich einer einfachen Interpretation verweigert, gehört zu seiner Essenz. Van Poelgeest erzählt weniger eine Geschichte und folgt stattdessen seinen Charakteren, die die Leser durch verschiedene Angstzustände führen. Visuelle Details geben manchmal Hilfestellung: Max Weaver verliert ein Auge im Kampf, was die Szenen zumindest in ein Vorher und ein Nachher einteilt.
Es entfaltet sich eine Welt mit einer merkwürdigen Sekte, Designern jener Mods mit mal mehr, mal weniger zwielichtigen Motiven, einer Kneipe und einem Schrottplatz. Dieses Setting ist bevölkert von unzähligen Figuren, die für den Verlauf der Handlung jedoch keine Rolle spielen. Es ist nur eine Auswahl von Charakteren, denen Bertram viel Mimik zugesteht. Max Weaver ist allein in einer überfüllten Welt. Popkulturelle Referenzen haben dort keinen Platz – bis auf zwei Stellen, an denen es heißt: »Dies ist Amerika!« Childish Gambino lässt grüßen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wie im Traum liegt in Precious Metal viel unter einer ganzen Reihe möglicher Bedeutungen begraben. So wachsen im Verlauf der Geschichte auch die Klischees vom Anfang des Comics an: In den Dialogen wird in die Hölle gefahren, sich zur Hölle gefragt, was jemand macht, und zur Hölle gefragt, was man selbst so treibt.
In einer Sache unterscheidet sich Precious Metal von einem Traum: Es verblasst nichts. Es ist eine Geschichte, die bleibt. Selbst ohne Anfang und ohne Ende. Das Mittendrin reicht dafür. Was für eine sehr, sehr gute Idee.
[Björn Bischoff]
Abbildungen © 2026 Cross Cult / Darcy van Poelgeest, Ian Bertram, Matt Hollingsworth
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