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Frisch Gelesen Folge 502: Lucas Museum of Narrative Art

»Der beste Weg, um narrative Kunst wirklich zu verstehen, ist, sie zu erleben.«
George Lucas


FRISCH GELESEN: Archiv


Lucas Museum of Narrative Art Volume I and II

Herausgeberin: Jessica Hundley

TASCHEN Verlag
HC (zwei Bände im Schuber) | 832 Seiten | Farbe | XXL-Format: 24,3 x 30,4 cm | 175,00 €
ISBN: 978-3754405642

Genre: Kunst, Kultur

Für alle, die das mögen: Popkultur, Illustration, Zeitgeschichte, Comics, Science Fiction & Fantasy Art, Star Wars, Film und Fotografie, Kaffeetischbücher



Ein Bildband vom Taschen Verlag fühlt sich an wie Weihnachten. Zur Ruhe kommen, sich Zeit nehmen und sich in schöne Dinge vertiefen, die den Geist und das Gefühl anregen. Das vorliegende monumentale Werk im Schuber vereint gleich zwei Prachtbände – das ultimative Versprechen für pure Entschleunigung.

Zwei Bände sind auch unbedingt nötig, um das neuste Projekt von Star Wars-Schöpfer George Lucas angemessen zu dokumentieren: das Lucas Museum of Narrative Art, welches kürzlich in Los Angeles seine Pforten geöffnet hat und sich auf einzigartige Weise der Erzählkunst widmet.

Dass es sich hier nicht um »irgendein« Museum handelt, offenbart sich bereits beim Aufschlagen des ersten Bandes dieser überwältigenden Edition. Auf einer Doppelseite ist das Museum aus der Vogelperspektive abgebildet; ein futuristisch geschwungenes Gebäude, das aussieht wie ein gelandetes hypermodernes Raumschiff. Dieses einzigartige Bauwerk hat seinen Initiator mehr als eine Milliarde US-Dollar seines Privatvermögens gekostet und dafür bekommen die Besuchenden ein wahres Feuerwerk an Bildern zu sehen, die alle im Kern so etwas wie eine Geschichte erzählen. Die Bilder zeigen Momente, die ein ›Davor‹, ein ›Jetzt‹ und ein ›Danach‹ haben. Jedes Kunstwerk steht somit für eine Erzählung, die sich in der Fantasie des Betrachters entwickelt. Und auch wenn große Meister*innen wie Frida Kahlo, David Hockney oder Salvador Dalí vertreten sind, liegt der Schwerpunkt auf Künstler*innen aus den Bereichen Illustration, Comic, Fotografie oder Werbung, die von der etablierten Kunstwelt oft abwertend als »Massenmedien« bezeichnet werden, die aber dennoch die Sehgewohnheiten und Emotionen ganzer Generationen geprägt haben.

In seinem Vorwort hebt der mit George Lucas befreundete Filmregisseur Guillermo del Toro hervor, dass Lucas bei der Konzeption des Museums die Unterscheidung in hochwertige und (angeblich) minderwertige Kunst nicht wichtig war. Er wollte vor allem der populären Kunst Geltung verschaffen und sie den Menschen nahebringen. Entsprechend feiert die einzigartige Sammlung die beeindruckende Vielfalt von kreativen Werken, die völlig frei von elitären Ansprüchen entstanden sind.

Wie das Museum, so führen auch die beiden Bände des Begleitbuches den Kunstliebhaber durch verschiedene Abteilungen wie Historie, Kindergeschichten, Beziehungen und Familie, Alltag, Gesellschaftsleben und Politik, bebildern spezielle Erzählformen wie Wandbilder, Fotografie, Comic oder Film (mit Star Wars als markantem Beispiel), streifen die wichtigsten populären Genres wie Western, Romanze, Abenteuer sowie Science Fiction und Fantasy und heben schließlich einzelne herausragende Künstler etwas ausführlicher hervor. Der Schwerpunkt liegt erwartungsgemäß auf US-amerikanischer Kunst und jüngerer Geschichte; nur vereinzelt finden sich auch europäische Ikonen der populären Kunst wie Mœbius oder HR Giger, doch das Spannende an den beiden schwergewichtigen Bildbänden ist gerade die visuelle Entdeckungsreise. Namen wie Norman Rockwell, Frank Frazetta oder Beatrix Potter sind vielleicht noch bekannt, aber wer kennt sich schon mit den Werken von N.C. Wyeth, Joseph Leyendecker oder Maxfield Parrish aus? Jede umgeblätterte Seite offenbart neue visuelle Schätze in überragender Bildqualität, die zum minutenlangen Schwelgen einladen und z.B. Titelbildseiten weit verbreiteter Magazine wie The Saturday Evening Post in ein ganz neues Licht rücken.

In den einzelnen Galerien des Museums bzw. Kapiteln des Buches werden die Bilder in einen thematischen Kontext gesetzt, der durch kundige Einleitungstexte und spezifische Kurzkommentare ergänzt wird. Im Gegensatz zur etablierten Kunst, die man im Louvre, im Prado oder anderen bedeutenden Kunsthäusern der Welt zu sehen bekommt, geht es hier nur gelegentlich um den tieferen Sinn oder verschlüsselte Bedeutungen einzelner Werke. Lucas' Sammlung befeuert viel mehr die Lust am Sehen schlechthin, den Zauber detailgetreuer Abbildungen, die schiere Kunstfertigkeit realistischer Darstellungen, aber auch den Humor und die Lebendigkeit, die in Kinderbuchillustrationen und klassischen Comicstrips stecken oder in der packenden Dramatik von Groschenheft-Titelbildern. Die hochwertig gestalteten Bildbände sind gleichzeitig »eine erstaunliche Pilgerreise durch die zeitliche Entwicklung narrativer Kunst«, wie es del Toro in seinem Vorwort ausdrückt, ausgehend von urzeitlichen Höhlenmalereien bis hin zu den Quellen moderner Mythen, die wiederum George Lucas zu einem der prägendsten Popkultur-Welten unserer Gegenwart inspiriert haben: dem Star Wars-Universum.

Da überrascht es kaum, dass eine ganze Sektion des Buches den Produktionsskizzen, Entwürfen und Mood-Bildern aus Star Wars gewidmet ist. Sie vermitteln eindrucksvoll, mit welch überbordender Leidenschaft dieses epochale Science-Fiction-Epos geschaffen wurde. Großen Raum nimmt auch die Darstellung von Comics ein. So ist es ein Fest für die Augen, wenn sich großformatige Bilder von den Peanuts und bekannten Disney- oder Marvel-Charakteren mit Titelbildern klassischer Horror- und SF-Comics oder Figuren wie Fritz the Cat und den Freak Brothers abwechseln, die für den subversiven Underground stehen. Gemälde mit historischen Szenarien, vielsagende Wandbilder, fotografische Meisterwerke und politische Karikaturen können zwar nur begrenzt präsentiert werden, weil die jeweiligen Themengebiete zu umfangreich sind, aber die Auswahl ist prägnant und äußerst stimulierend.

Insgesamt zeigen die zwei Bände eine enorme Bandbreite und die extrem diversen Handschriften der versammelten Künstler laden dazu ein, selbst weiter zu recherchieren und sich tiefer mit neu entdeckten Künstler*innen zu beschäftigen. Jedenfalls ist der Schuber der beste Ersatz, den man sich denken kann, wenn man gerade nicht über den großen Teich fliegen kann (oder will), um sich die Originale vor Ort in Los Angeles anzuschauen. Und er macht auch eines ganz klar in einer Zeit, in der die Welt überschwemmt wird von KI-erzeugten Bildern: Die Kraft der menschlichen, handgemachten Kreativität ist ein Wunder, das es zu bewahren gilt.

George Lucas schreibt, er hätte im College angefangen, Kunst zu kaufen, die er sich leisten konnte, Kunst die buchstäblich »heruntergesetzt« worden war. Seine erste Erwerbung war ein Alley Oop-Comicstrip aus dem Jahr 1930, der damals 35 US-Dollar kostete. Er betont, er hätte schon immer Kunst gekauft, die ihn bewegt habe – ohne etwas auf die Meinung anderer zu geben. Kunst sei für ihn immer eine persönliche Erfahrung, unabhängig von deren Wert oder Bekanntheitsgrad. Über die Jahre hinweg habe er 40.000 Werke zusammengesammelt und nie ein einziges davon verkauft. Diesem Credo hat Lucas mit seinem Museum und den zugehörigen Bildbänden ein großartiges Denkmal gesetzt.

Und um den Bogen zum Anfang zu schlagen: zu Weihnachten lässt sich kunstinteressierten Lesern kaum ein schöneres Geschenk machen als dieses visuelle Denkmal in zwei Bänden.

[Armin Hofmann]

Bildmaterial © 2026 TASCHEN / Lucas Museum of Narrative Art


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