»Du bist vielleicht ein schmächtiger Twink, aber in dir schlägt das Herz eines Bären.«
Drehbuch: Nicolas Athané, Marco Nguyen, Simon Balteaux, Brice Chevillard
Regie: Nicolas Athané, Marco Nguyen
Capelight Pictures
Frankreich, Belgien, 2026 | 85 Minuten | Farbe | FSK: 16
Kinostart: 24.09.2026
Genre: Komödie, Satire, Slice-of-Life, Abenteuer
Für alle, die das mögen: Lesbian Space Princess (2025), Rick and Morty, queeres Kino
Der Fitnesskönig und sein Twink
Jim Queen ist ein quietschfideles queeres Abenteuer
Es beginnt unscheinbar. Urplötzlich kommt Jim Parfait einer seiner Bauchmuskeln abhanden. Doch so viele Gewichte der König unter den schwulen Fitness-Influencern auch stemmt, der Muskel kehrt nicht zurück. Und so verliert Jim mit seinem Astralkörper letzten Endes auch all seine Follower. Der Social Media-Star ist ganz unten angekommen und auf die Hilfe von Lucien, seinem letzten verbliebenen Hardcore-Fan, angewiesen.

Die Diagnose lautet auf Heterose. Die Krankheit verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der schwulen Community. Eine mit Jim befreundete Ärztin teilt ihm die erschreckenden Symptome mit: »ein mangelndes Interesse an einem makellosen Körper, unverzeihliche modische Fehltritte, Manspreading, Interesse an Fußball; auffällig ist auch ein krankhafter Hang zur Monogamie, ein nicht zu unterdrückendes Verlangen nach Reproduktion [...]. Im Endstadium verlieren alle Infizierten das Interesse an anderen Männern und heterorisieren sich.«
Spätestens jetzt ist klar, wohin die Reise in diesem in Paris spielenden, frankobelgischen Animationsfilm geht. Dass es sich um eine Komödie handelt, lässt sich bereits am Titel ablesen. Jim Queen ist ein Wortspiel. Unter einer »Gym Queen« versteht man jenen Typus Mann, den Jim Parfait verkörpert, also einen schwulen Mann, der so viel Wert auf sein Äußeres legt, dass er jede freie Minute für Krafttraining verwendet. Die Ausgangsidee der Heterose ist beste Satire. Denn das Virus, das aus homosexuellen Männern heteronormative Spießer macht, verkehrt die Welt ins Gegenteil. Oben ist unten, rechts ist links – und keiner weiß mehr, wie der Hase läuft.
Allen reaktionären Gegenbewegungen zum Trotz ist ein solcher queerer Spaß heute zum Glück salonfähig. Jim Queen feierte seine Weltpremiere an prominenter Adresse. Im Mai 2026 war er in der Sektion Midnight Screenings bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes zu sehen. Die Macher hinter dem Film kommen aus beiden Welten. Der Co-Regisseur Marco Nguyen und der Co-Autor Simon Balteaux sind homosexuell, der Co-Regisseur Nicolas Athané und der Co-Autor Brice Chevillard sind heterosexuell. Dementsprechend bekommen beide Welten ihr Fett weg.
»Was wir kritisieren wollten, waren nicht die Heterosexuellen selbst, sondern die Heteronormativität: Vater, Mutter, Kinder, Haus, Auto …«, sagt Nguyen. Und Balteaux fügt an: »Der Film macht sich ein bisschen über Heteros und enorm über Schwule lustig, denn in Wirklichkeit lache ich über mich selbst. Der Film wird zu einer Art kleinem mea culpa.« Kräftig durch den Kakao gezogen werden unter anderem der übertriebene Körperkult von Influencern wie Jim und die damit einhergehende Altersdiskriminierung. Und das beste Mittel dafür ist selbstredend die Überzeichnung. Was sich beispielsweise an der filmischen Darstellung ablesen lässt. Besagte diskriminierte Männer, älter, korpulenter und behaarter als Jim & Co. und in der Szene als »Bären« bekannt, werden im vorliegenden Animationsfilm einfach als anthropomorphisierte Bären gezeigt. Was ziemlich lustig ist. Auch andere Themen, etwa dass Lucien sein Coming-out noch vor sich hat und seine sexuelle Identität bei sich zu Hause in einem geheimen Wandschrank aufbewahrt, also wortwörtlich noch im »closet« steckt, werden ziemlich direkt umgesetzt.

Gesellschaftsrelevante Themenkomplexe wie die Auswüchse der Coronapandemie oder die Bedeutung der HIV/Aids-Krise für die queere Community werden wiederum in gelungene Metaphern und Allegorien überführt. Diese Melange aus sinnbildlicher und buchstäblicher Komik ergibt einen ausgesprochen skurrilen Mix. Jim Queen ist ein wilder, überzogener und amüsanter Ritt durch diverse schwule Subkulturen. Denn um ein Heilmittel für die Heterose zu finden, müssen sich Jim und sein unfreiwilliger Sidekick Lucien auf eine Mission begeben, die bewusst an die Heldenreise aus Märchen und Fantasystoffen angelehnt ist.
Wie zu erwarten lernen sie dabei etwas über die Welt, in erster Linie aber viel über sich selbst – und werden am Ende zu besseren Menschen. Das ist ein schräges Vergnügen für ein reife(re)s Publikum! Lust an der schamlosen Übertreibung und keine Scheu vor abseitigem Humor sollte man für einen Kinobesuch auf jeden Fall mitbringen. Die Altersfreigabe ab 16 Jahren kommt nicht von ungefähr. Wer davor nicht zurückschreckt, wird seine queere Freue mit diesem Buddy Movie der etwas anderen Art haben.
[Falk Straub]
Abbildungen © 2026 Capelight Pictures
