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Frisch Gelesen Folge 472: No Comic, no Life

 

»Ich zeichne Manga für Magazine und andere Publikationen. Mit diesem recht unsteten Beruf verdiene ich meinen Lebensunterhalt.«


FRISCH GELESEN: Archiv


No Comic, no Life. Alltagsnotizen des Mangaka Mochitaro Minezuki Band 1

Story: Minetaro Mochizuki
Zeichnungen: Minetaro Mochizuki

Reprodukt 
Hardcover | 240 Seiten | s/w | 20,00 €
ISBN: 978-3-95640-484-9

Genre: Slice of Life, Autobiografie

Für alle, die das mögen: Der spazierende Mann



Das Leben schreibt die besten Geschichten, heißt es landläufig. Was nicht stimmt. Das Leben schreibt nur dann die besten Geschichten, wenn sich der passende Erzähler ihrer annimmt. Ob der 1964 geborene Minetaro Mochizuki dazugehört? Im ersten von zwei Bänden der Alltagsnotizen des Mangaka Mochitaro Minezuki arbeitet er sich an der nichtigen Existenz und dem existenziellen Nichts ab.
Die kurzen Kapitel von No Comic, no Life beginnen mit denselben Sätzen: »Ich zeichne Manga für Magazine und andere Publikationen. Mit diesem recht unsteten Beruf verdiene ich meinen Lebensunterhalt.« Was wie ein Stilmittel wirkt, dürfte jedoch dem Veröffentlichungsrhythmus geschuldet sein. (Mochizukis Serie um sein Alter Ego lief von 2022 bis 2023 im japanischen Big Comic Original-Magazin, das auch Taiyō Matsumotos Die Katzen des Louvre oder Naoki Urasawas Monster veröffentlichte.) Die Wiederholung passt als bewusstes Prinzip trotzdem.

Die beiden Sätze sind die erzählerischen Ausgangspunkte der verschiedenen Episoden. Auf sie folgt das Leben aus der Sicht von Mochizuki. Mal hadert sein Alter Ego Minezuki mit den Erziehungsmethoden des kleinen Sohns (iPad statt Kuscheltier zum Einschlafen), mal erinnert es sich an seine kindliche Angst vor dem fliegenden Gehirn in den Romanen von Captain Future, mal geht es um Autounfälle und allergische Schocks des eigenen Kindes. Alles erscheint banal erschreckend und erschreckend banal. Und doch baut sich über die Seiten eine Spannung auf, das Gefühl, dass sich all dies um einen Kern dreht, den man nicht greifen kann, der aber vorhanden ist, wie ein Schemen in der Ferne.

Zeichnerisch entschleunigt Mochizuki seine Episoden. Von den Figuren gibt es oft nur den Hinterkopf zu sehen. An manchen Stellen taucht der gleiche Gesichtsausdruck wie auf der vorherigen Seite noch einmal auf. Detaillierte Hintergründe gibt es nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Beispielsweise, um den Episoden bewusst eine Atmosphäre zu geben. Nach zwei Seiten mit drei fast identischen Panels fällt die Selbsterkenntnis: »Manchmal starre ich die Wand an und grüble vor mich hin.« Momente, die wir vom eigenen Leben kaum erinnern, hält Mochizuki in dieser Serie fest – und fängt so die Flüchtigkeit des Alltäglichen ein.

Dieser Manga mag auf den ersten Blick wie eine nüchterne Autobiografie erscheinen, allerdings arbeitet Mochizuki mit einem Alter Ego. Ein wenig Fiktion ist also enthalten. Er gefällt sich definitiv in der Rolle des lakonischen Selbstzweiflers. Weshalb nicht jede Episode dem wahren Leben entsprungen sein dürfte. Die Welt als Wille und Vorstellung: Hier möchte jemand, dass sich das eigene Dasein zwischen künstlerischem Schaffen, familiären Pflichten und popkulturellen Referenzen abspielt – und denkt sich diese Episoden aus. Eine Anekdote ergibt die nächste. Die große Kunst dieses Manga besteht darin, dass Mochizuki die Schwere und die Leichtigkeit des Lebens nebeneinander stehenlässt. Alles erhält die gleiche erzählerische Tiefe.

Es mag nicht die beste Geschichte sein, die ein Leben schreibt. Aber es ist auf jeden Fall eine Geschichte, die wie ein wahres Leben anmutet. Trotz des Alter Egos. Und das ist große Kunst.

[Björn Bischoff]

Abbildungen © 2025 Reprodukt / Minetaro Mochizuki


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