»Du bist erbärmlich.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Scheiß auf Liebe – Wie ich eine toxische Beziehung überlebt habe![]()
Story: Sophie Lambda
Zeichnungen: Sophie Lambda
Splitter
Softcover | 296 Seiten | s/w u. Farbe | 25,00 €
ISBN: 978-3-68950-098-6
Genre: Slice of Life, Ratgeber
Für alle, die das mögen: realistische Liebesgeschichten, Lebenshilfen und Ratgeber, eine Prise Humor
Manche von uns dürften es bereits erlebt haben: eine toxische Beziehung. Man lernt jemanden kennen, ist über beide Ohren verliebt, wähnt sich im siebten Himmel und dann? Der Absturz. Erste kleine Lügen, bedenkliche Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die einen schleichend zugrunde richten. Trotzdem kann man sich nicht von seinem Partner, seiner Partnerin trennen. All das hat Sophie Lambda durchgemacht und verarbeitet ihre Geschichte in dem autobiografischen Comic Scheiß auf Liebe.
Die Autorin und Zeichnerin schildert auf gut 200 Seiten, wie sie den Schauspieler Marcus kennengelernt und wie sich ihre Liebe in eine toxische Beziehung verwandelt hat, das heißt in eine Liebe, unter der zumindest einer der Beteiligten gelitten hat bis zum psychischen Zusammenbruch. Dabei erlebte Lambda zunächst eine harmonische Zeit, eine Beziehung wie im Bilderbuch. Ihr treuer Gefährte, der Stoffteddy Chocolat, kommentiert die romantischen Szenen deshalb gleich zu Beginn für den Leser: »Okay, ich drücke jetzt auf Pause, weil ich sonst kotze.« Und das wird er viele Seiten später tatsächlich tun. Aber nicht ob der schwülstigen Romantik mit Puderzucker, sondern aufgrund Marcus' Verhalten.
Immer häufiger rastet Marcus aus, brüllt Sophie an, schränkt sie ein, belügt und betrügt sie und bei alldem gibt er immer ihr die Schuld. Sophie, eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und überhaupt nicht das Klischee des Opfers erfüllt, ist mit der Situation überfordert. Sie wäre fast daran zerbrochen. Erst mit professioneller Hilfe und Fürsorge für sich selbst gelingt es ihr, den Teufelskreis zu durchbrechen. Auf den letzten rund 100 Seiten des Comics erklärt Lambda die psychische Wirkungsweise einer toxischen Beziehung und wie man sich daraus befreien kann.
Marcus gibt es wirklich. Natürlich hat er im Comic einen anderen Namen bekommen. Aber die Geschichte von Sophie und Marcus entspringt der Realität. Was für ein genialer Clou. Sollte ich vielleicht gleich zum Jahresbeginn den besten Comic des Jahres gelesen haben? Sophie Lambda ist das Pseudonym einer 1986 geborenen französischen Illustratorin. Scheiß auf Liebe ist ihr Debüt. Sie behandelt ein Thema, mit dem schon viele Menschen in Berührung gekommen sind – mal mehr, mal weniger verheerend im Ausgang. Die große Kunst von Lambda ist es, dem ernsten und schwierigen Thema Leichtigkeit zu geben – nicht oberflächlich, sondern gut lesbar. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang der dem Alkohol zugeneigte Teddybär Chocolat. Er kommentiert aus Sicht der Leser viele Szenen und dient Lambda als eine Art visualisiertes schlechtes Gewissen.
Der Ton der Autorin ist locker. Mit viel Ironie und stellenweise Sarkasmus führt sie uns durch die schwierige Phase in ihrem Leben. Vor allem der zweite – eher analytische – Teil des Comics ist beeindruckend. Lambda fesselt den Leser, hält ihn bei sich, obwohl es um psychologische Themen geht, die mit dem Verlauf ihrer Geschichte nicht unmittelbar etwas zu tun haben. In diesem Teil wechselt sie vom prosaischen Comic zum Sachcomic. Das ist glänzend gelöst.
Ein Wort noch zu ihren Illustrationen. Lambdas Stil ist karikaturhaft. Sie begleitet sich im ersten Teil des Buches mit Panels, deren Schwerpunkt auf Mimik und Augen liegen. Wobei ehrlicherweise gesagt werden muss, dass die Stärke des ersten Teils nicht im Artwork liegt. Im zweiten Teil gelingt es ihr ganz hervorragend, ihren Text, die psychologischen Details, das ganze Fachwissen in Bilder umzuwandeln.
Scheiß auf Liebe ist der mit Abstand beste Comic, den ich seit Langem gelesen habe. Ich habe mich köstlich amüsiert, vieles gelernt und bin sensibilisiert worden für ein Thema, dessen brutale Auswirkungen leider viel zu schnell vom Radarschirm unseres Alltags verschwinden. Ich gebe 10 von 10 Teddybären.
[Bernd Hinrichs]
Abbildungen © 2026 Splitter / Sophie Lambda
Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter
