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Frisch Gelesen Folge 475: Green Witch Village


»Die Läden wirken auch total antiquiert.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Green Witch Village

Story: Lewis Trondheim
Zeichnungen: Franck Biancarelli

Schreiber & Leser
Hardcover | 104 Seiten | Farbe | 22,80 €
ISBN: 978-3-96582-220-7

Genre: Science Fiction, Komödie, Thriller

Für alle, die das mögen: Zeitreisen, absurden Humor, historische Anspielungen, Bill & Ted, Patience von Daniel Clowes, Chrononauts (Mark Millar, Sean Murphy), Tag X



Manchmal wacht man auf – und fühlt sich wie im falschen Film. In Green Witch Village kippt Tabatha Sands um und ist plötzlich im falschen Jahrzehnt: New York, 1959. Keine Smartphones, kein W-LAN, dafür Petticoats, Kalter Krieg und ein Bürgermeister, der aus einer rothaarigen »Green Witch« ein Maskottchen für Greenwich Village machen will. Was wie eine beschwingte Zeitreise-Komödie anläuft, entwickelt sich zügig zu einem Spionagethriller mit Atombombe, CIA-Paranoia und erstaunlich vielen Leichen.

Lewis Trondheim spielt das zunächst mit trockenem Humor durch. Tabatha weiß, dass sie aus dem Jahr 2026 kommt – nur glaubt ihr das niemand. Die Dialoge sind schnell, pointiert, manchmal bewusst eine Spur zu lässig für die 50er, was aber zum Konzept passt: Die Gegenwart denkt permanent in die Vergangenheit hinein. Wenn Tabatha beiläufig künftige Ereignisse fallen lässt oder mit historischen Details einen vermeintlichen Reporter entlarvt, entsteht ein reizvolles Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wissen und Macht. Spätestens mit der realhistorischen Tybee-Bombe bekommt das Ganze dann Schärfe. Aus Screwball Comedy wird Politthriller.

Dabei ist der Ton das eigentliche Kunststück. Trondheim balanciert Witz und Bedrohung erstaunlich sicher. In einem Moment noch kokette Schlagfertigkeit, im nächsten Schusswechsel auf dem Jahrmarkt. Dass sich hinter dem Atombomben-Komplott ein Nazi-Netzwerk verbirgt, ist erzählerisch nicht die kühnste Idee – aber die Art, wie sich CIA, KGB und Halbwelt gegenseitig belauern, sorgt für Tempo. Gegen Ende wird es fast etwas atemlos: Enthüllungen, Ortswechsel, Schießereien. Hier hätte der Plot stellenweise mehr Raum vertragen, um die politischen Implikationen wirklich auszuspielen. Manches wird behauptet, bevor es emotional greifen kann.

Franck Biancarelli liefert dazu Bilder, die wie aus einem anderen Medium herübergebeamt wirken. Die Seiten folgen konsequent dem Sonntagsstrip-Prinzip: oben die Totale, unten die Pointe oder der Cliffhanger. Das gibt jeder Seite einen eigenen Rhythmus – und manchmal eine fast theatralische Setzung. New York in warmen Ocker- und Grüntönen, breite Straßenschluchten, elegante Interieurs: Das Setting ist mehr als Kulisse, es ist Stimmungsträger. Besonders stark sind die Gesichter. Tabathas Mischung aus Trotz, Verunsicherung und Ironie trägt die Geschichte. Wenn sie dem schmierigen Agenten mit eiskaltem Blick die Stirn bietet, sitzt jede Linie.

Nicht alles funktioniert gleich gut. Einige Nebenfiguren bleiben skizzenhaft – vor allem dort, wo sie als reine Plotmotoren dienen. Auch die wiederkehrenden Wortgefechte mit der CIA nutzen sich minimal ab; die Dynamik wiederholt sich, bevor sie eskaliert. Und das Finale setzt stärker auf Action als auf die existenzielle Frage, die der Comic eigentlich stellt: Wer ist man, wenn man im falschen Körper, in der falschen Zeit steckt?

Trotzdem: Green Witch Village ist kein nostalgischer Aufguss, sondern ein formal klug gebauter Hybrid aus Zeitreise, Kalter-Krieg-Drama und bissiger Komödie. Er sieht hervorragend aus, hat Tempo und traut seiner Heldin einiges zu. Ein paar dramaturgische Abkürzungen verhindern die ganz große Meisterleistung – aber als selbstbewusster Genremix mit Haltung funktioniert das erstaunlich gut. Und die Idee, Geschichte mit dem Wissen von morgen zu kontern, hat ohnehin ihren eigenen Reiz. Ich gebe acht von zehn Hexen.

[Bernd Hinrichs]

Abbildungen © 2026 Schreiber & Leser / Lewis Trondheim, Franck Biancarelli


Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Schreiber & Leser