»Unsere technische Welt ist eine riesengroße Entropiemaschine.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Philippe Bihouix
Zeichnungen: Vincent Perriot
Carlsen
Hardcover | 176 Seiten | Farbe | 30,00 €
ISBN: 978-3-551-80748-9
Genre: Sachcomic
Für alle, die das mögen: Die große Verdrängung, Welt ohne Ende
Ressourcen beginnt mit einer Reise in die Zukunft. Der Ingenieur Philippe Bihouix und der Comiczeichner Vincent Perriot besuchen im Jahr 3019 eine gigantische Raumstation, auf der scheinbar Millionen von Menschen leben. Die Besiedlung des Mars hat nicht funktioniert, heißt es dazu, aber Gerard K. O'Neill, der in den 1970er-Jahren unter anderem für die NASA riesige Anlagen zur Kolonisierung des Weltalls entwickelte (die Älteren werden sie aus dem Micky Maus-Magazin o.Ä. kennen), hatte den richtigen Riecher. Dazu wird Amazon-Gründer Jeff Bezos zitiert, der sich von dem Old-School-Visionär inspirieren ließ: »Wenn wir ins All vorstoßen, in unser Sonnensystem, gewinnen wir praktisch unendliche Ressourcen.« Klingt, als wäre das Buch überflüssig.
Ist es aber nicht. Denn das alles ist Quatsch, wie wir im weiteren Verlauf erfahren. Star Trek, Star Wars und so weiter wird es niemals geben, weil wir dafür nicht die nötigen Ressourcen haben und auch niemals haben werden. Eine Enthüllung, die ungefähr so überraschend ist wie: Superman gibt es nicht. Warum aber startet das Buch dann mit 20 Seiten Space Opera? Ich weiß es nicht genau, habe aber den Verdacht: um die Leute dort abzuholen, wo sie vermeintlich sind – Comicfans wollen Raumschiffe sehen. Womit wir beim ersten Problem von Ressourcen wären: Es hält seine Leser:innen für dumm.
Was ärgerlich ist, denn das Thema Ressourcen ist interessant und relevant. Philippe Bihouix beschäftigt sich allerdings vorwiegend mit einem kleinen Teilgebiet: den Mineralien. In Frankreich hat er bereits 2010 ein Buch veröffentlicht, in dem es um die Grenzen dieser Rohstoffe ging, dem 2014 ein Werk über Lowtech folgte, also Technologie, die so effizient ist wie Hightech, aber zugleich ressourcenschonend.
Dieses Konzept verfolgt er auch hier. Wie in vielen Sachcomics reisen Bihouix und Perriot gemeinsam durch Zeit und Raum, um die Wurzeln unseres Denkens bis heute und darüber hinaus zu verfolgen, inklusive vieler Fehleinschätzungen. Wir lernen, dass das Konzept des Füllhorns, das aus der griechischen Mythologie stammt, noch heute unseren Glauben an die Technik bestimmt, und werfen einen kurzen Blick auf die beschissenen Arbeitsbedingungen, unter denen zum Beispiel die Rohstoffe für unsere Handys gefördert werden. Aber vor allem wird gerechnet: wie viele Rohstoffe wir verbrauchen, warum die Menge exponentiell wächst, wieso Recycling wenig hilft und wie wir deshalb die Grundlagen unserer technischen Welt, die sich über Millionen von Jahren entwickelt haben und nicht unendlich sind, rasend schnell verbrauchen. Ja, es ist ein wenig deprimierend.
Zum Glück gibt es Vincent Perriot. Der Comickünstler (Negalyod) fasst die traurigen Fakten in bunten, wimmeligen, oft fantastischen Bildern zusammen. Die Reise durch das Buch findet in Raumschiffen statt und fliegenden Autos, das Duo reitet auf Dinosauriern und Insekten über endlose Landschaften, riesige Wälder und gigantische Müllkippen. Alles ist detailliert ausgearbeitet und toll anzusehen, insbesondere die Visionen, von denen wir allerdings auch immer wieder gesagt bekommen, dass sie nicht realisierbar sind. Womit wir beim zweiten Problem von Ressourcen wären: Es hat eine gigantische Text-Bild-Schere – das Buch verkauft seine Botschaft über Bilder, von denen der Text sagt, dass wir sie vergessen sollen.
Aber Schwamm drüber, immerhin lässt sich so schön blättern. Viel schwerwiegender sind die inhaltlichen Mängel. Über rund 120 Seiten geht es darum, wie wir mit der Ver(sch)wendung von Ressourcen früher oder später an die Wand fahren, bis schließlich Raum für Lösungen ist – endlich! Jedenfalls sieht es für einen Moment so aus, als Bihouix erzählt, dass die Aborigines in Australien bis zum Auftauchen der Europäer extrem nachhaltig waren: »Ihre technischen Verfahren beruhen lediglich auf Stein und erneuerbaren Ressourcen von Pflanzen und Tieren.« Aber, wie sich nur zwei Panels später herausstellt, waren auch sie nicht perfekt: Sie haben ihre Megafauna, die Urtiere, ausgerottet. Und nun?
Laut Bihouix gibt es drei Lösungswege. 1. Maß halten – weniger Energie, weniger Rohstoffe. 2. Optimieren und Lebensdauer steigern – das Zeitalter der Instandhaltung. 3. Technische Urteilskraft beweisen – Ressourcen mit Bedacht verwenden und wo möglich auf Lowtech umsteigen. Und: »Aber vor allem muss man unsere Welt als systemisch begreifen.« Etwa Autos: Fertigung, Benzinversorgung, Verkehrsnetz, sekundäre Infrastruktur (Unfallchirurgie, Versicherungen etc.), Technologie, Werbung, Umgang mit Verschmutzung – das alles muss zusammen gedacht werden. Das stimmt zwar, aber fehlt in der Rechnung nicht irgendwas? Womit wir beim größten Problem des Buchs wären: Der Mensch ist kein Thema.
Ressourcen ist ein Ingenieursbuch, das Komplexität vortäuscht, sich aber beharrlich davor drückt, die Welt außerhalb der Technik zu betrachten: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, die Menschen – alles egal. Ein paar mal tauchen Jeff Bezos und Mark Zuckerberg auf, die, klar, gegen Mäßigung sind. Aber wie wir mit ihrer Macht umgehen, mit dem Druck ihrer sozialen Medien oder den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die ihnen zentrale Rollen geben – dazu gibt es kein Wort. Ganz zu schweigen von unserem Wirtschaftssystem, den Wünschen und Gewohnheiten der Menschen und der Entwicklung anderer Ressourcen, der biologischen zum Beispiel. Das Buch ist maximal unterkomplex, sodass es zu maximal offensichtlichen Lösungen wie »Technische Urteilskraft beweisen« kommt. Und dann? Eine Diktatur der Technokraten? Aber keine Sorge, das ist so unrealistisch wie Mäßigung in einer Welt, in der nicht einmal Milliardäre angemessen besteuert werden.
Womit wir beim letzten Problem wären: Wer so ein Buch liest, ist am Thema interessiert, hat schon ein paar Grundkenntnisse, kennt seine Komplexität und sucht Anregungen oder neue Ideen. Auf ein paar nicht ganz neue Rechenspiele, aus denen keine interessanten Schlüsse gezogen werden, können diese Leute verzichten. Denn sie wissen: Wenn wir die Menschheit retten wollen, können wir keine Zeit verschwenden.
[Peter Lau]
Abbildungen © Philippe Bihouix, Vincent Perriot / Carlsen Verlag Gmbh, Hamburg 2026
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