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Frisch Gelesen Folge 497: Mit dem Wind tanzen

»Meine erste Reise war eine Sehnsucht. Die zweite ist ein Versprechen.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Mit dem Wind tanzen

Story: Emmanuel Lepage
Zeichnungen: Emmanuel Lepage

Splitter
Hardcover | 224 Seiten | Farbe | 35,00 €
ISBN: 978-3-96792-333-9

Genre: Sachcomic, Biografie, Reisebericht

Für alle, die das mögen: Reise zum Kerguelen-Archipel, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß, Brodecks Bericht



Der Kerguelen-Archipel ist eine subantarktische Inselgruppe im südlichen Indischen Ozean, die zu den französischen Süd- und Antarktisgebieten gehört. Er gehört seit 2019 zum UNESCO-Weltnaturerbe und ist, abgesehen von einer Forschungsstation, nicht bewohnt. Neben den rund 60 Menschen, die dort über das Jahr arbeiten, ist es vor allem von Vögeln, insbesondere Pinguinen, sowie See-Elefanten und anderen Robben bevölkert. Auf den Inseln ist es sehr kalt, windig und ungemütlich, trotzdem ist für viele Wissenschaftlerinnen der größte Traum, ein Jahr vor Ort forschen zu können.

Emmanuel Lepage war schon 2011 auf den Kerguelen und hat darüber die Graphic Novel Reise zum Kerguelen-Archipel veröffentlicht, eine Art grafisches Nature Writing, das vor allem von der Exotik und den Bildern lebt. Im vorliegenden Buch erzählt Lepage von seiner zweiten Reise zwölf Jahre später. Er ist in vielerlei Hinsicht weiter, auch in Sachen Prominenz: Schon auf dem Schiff zu den Inseln kennen ihn alle, sie haben sein Buch gelesen und lieben es. Das scheint ihm anfangs etwas befremdlich, führt aber dazu, dass sich die Menschen ihm gegenüber schnell öffnen. Und so stehen recht bald nicht die Flora und Fauna, sondern die Gemeinschaft der Forschenden im Mittelpunkt des Buches.

Lepage fährt mit dem Versorgungsschiff, mit dem auch die Ablösung der Wissenschaftler kommt – die Forscherinnen bleiben jeweils ein Jahr, von Sommer zu Sommer. Begleitet wird er von dem Filmemacher François und seinem Kameramann Alexis, die eine Doku für Arte drehen. Schon auf dem Schiff trifft er Botanikerinnen und Ornithologen, Florence, die neue Camp-Chefin, die früher Botschafterin war, eine wissenschaftliche Taucherin sowie Logistiker, Bäcker, Köche, Schreiner und Leute, die für die Infrastruktur zuständig sind. Alle erzählen ausführlich von ihren Projekten, und weil das während des gesamten Aufenthalts so bleibt, gibt das Buch eine gute Idee von der aktuellen Breite der Wissenschaft.

Schon auf der Überfahrt fokussiert sich der Künstler auf die Menschen und ihre Geschichten, in die er immer tiefer eindringt. Oft bebildert er über mehrere Seiten Briefe, Gespräche und Tagebucheinträge, in denen ihm Menschen ihr Innerstes offenbaren. Einer der Ersten, die er auf diese Art porträtiert, ist der Kameramann Alexis, der manchmal fast zusammenbricht. Bis er irgendwann merkt, dass seine wirkliche Last die Unfähigkeit ist, seiner Tochter Maia zu helfen, die in einer tiefen Depression steckt: »Ich trage Maias Leiden.« So nah kommt Kunst Menschen nicht oft.

Zugleich ist der Band ein fantastischer Bilderbogen. Das Naturreservat ist dicht bevölkert von Tieren, die Menschen marschieren ständig durch riesige Pinguinkolonien, überall liegen See-Elefanten rum und Robben, die auch mal zudringlich werden können – da hilft ein Schlag auf die Schnauze. Außerdem gibt es eingewanderte Arten, Rentiere zum Beispiel, die in den 1950ern auf der Hauptinsel als Nahrungsmittel eingeführt wurden und mittlerweile auf allen Inseln leben, weil vergessen wurde, dass Rentiere schwimmen können. Einige invasive Arten machen mittlerweile echte Probleme, etwa die Katzen, die die eingeschleppten Ratten töten sollten, aber stattdessen Küken metzeln und deshalb jetzt selbst auf der Abschussliste stehen.

Auch landschaftlich sind die Inseln grandios. Lepage zeigt sie immer wieder in ganz- oder doppelseitigen Gemälden, die eine ungeheure Erhabenheit ahnen lassen. Ein guter Zeichner war er schon immer, aber über die Jahre wurde er immer besser – manches sieht aus, als müsste es in einer Gemäldegalerie hängen. Was nicht so abwegig ist: 2021 wurde Lepage zum offiziellen Maler der französischen Marine ernannt. Das gab ihm vermutlich viel Zeit zum Üben auf See, jedenfalls malt kein Comickünstler das Meer so beeindruckend wie er.

Mit der Zeit verdichtet sich der Eindruck, dass Lepage von einer real existierenden Utopie erzählt. Die Menschen auf der Insel leben in Freiheit, Eintracht, Gleichheit und tun, was sie wirklich wollen. Sie haben Zeit und Raum, um sich mit einer fast unberührten Naturidylle zu verbinden, und werden dabei nicht mal von der elektronischen Welt abgelenkt, die unsere Leben Tag für Tag zerhackt. Es ist perfekt, um in das eigene Innerste zu gelangen, und so geht es gegen Ende zunehmend darum, wie fassungslos die Menschen angesichts des Glücks sind, dort sein zu dürfen.

Eine Wissenschaftlerin sagt: »Ich hatte immer Mühe, meinen Platz zu finden. Hier habe ich Seiten von mir kennengelernt, die mir andere offenbart haben, die mir das harte Gelände offenbart hat. Hier sehe ich mich, als wäre ich völlig transparent, offen, ohne Angst vor Beurteilung oder die Neigung, die Erwartung anderer zu erfüllen. Hier bin ich ich selbst, geliebt und liebevoll mit allen anderen. Hier habe ich mich gefunden.« Wir können nicht alle auf die Kerguelen fahren. Aber wir können uns überlegen: Wie können wir so weit kommen?

[Peter Lau]

Abbildungen © 2026 Splitter / Emmanuel Lepage


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