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Frisch Gelesen Folge 467: Der fantastische Bus

»Alles, was existiert, ist deins.«


FRISCH GELESEN: Archiv


Der fantastische Bus

Story: Jakob Martin Strid
Zeichnungen: Jakob Martin Strid

Kunstmann
Hardcover | 204 Seiten | Farbe | 68,00 €
ISBN: 978-3-95614-658-9

Genre: Kindercomic

Für alle, die das mögen: die Lola-Bücher von Ole Könnecke, die Jahreszeiten-Bücher von Susanne Berner, Die unglaubliche Geschichte von der Riesenbirne



Es gibt viele gute Gründe, warum sich das titelgebende Verkehrsmittel meines Kindercomics des Jahres in Bewegung setzt: Die Fahrgäste, eine bunte, anfangs unübersichtlich wirkende Gruppe, wissen gerade sowieso nicht wohin, weil ihre selbstgebauten Häuser demnächst der Stadterneuerung zum Opfer fallen und sie heimatlos sein werden – warum also nicht nach Balanka fahren? Der kleine Timo ist so krank, dass ihn bloß die seltene Safran-Lilie heilen kann – die nur in Balanka wächst. Für die sehr sensible Silja ist die Stadt viel zu laut – in Balanka wäre es viel besser. Der alte Tolstoi ist vor Jahrzehnten gescheitert, Balanka zu finden – er könnte bei einem zweiten Versuch seinen Freund Pierre suchen, den er damals verloren hat.

Und außerdem, wie der grüne, radioaktiv verstrahlte, superintelligente Spir feststellt, als er zum ersten Mal die späteren Busmotoren sieht: »Wir können die Motoren benutzen, um etwas zu bauen! Das ist doch NAHELIEGEND! Du musst … Wir müssen … einen … einen … riesigen BUS bauen! (…) Diese MOTOREN … Wir können sie benutzen, um nach BALANKA zu kommen!!«

In anderen Kinderbüchern würde jeder einzelne dieser Gründe ausreichen, die Handlung in Gang zu bringen, aber in diesem Buch ist Überfluss das Grundprinzip. Das beginnt bei seinem Gewicht (2,5 Kilogramm) und Format (38,5 x 30,2 Zentimeter, die Doppelseitenbilder sind mehr als 70 Zentimeter breit). Die Motoren des Busses haben 18.000 PS, die sie aber für die circa 30 (40?) Passagiere, die Bibliothek, das Bad, die Küche und natürlich die Jetdüsen auch brauchen. Die Brücke über den Nordpol ist so steil, dass Nägel in die Reifen geschlagen werden müssen, und so hoch, dass Flugzeuge die Fahrt bis in die Stratosphäre begleiten.

Die Fahrt geht über die große östliche Hochebene, auf der bis zu einem Kilometer große Reklameballons liegen, und durch die Eiswüste, die übersät ist von Satelliten, die während des Atomkriegs abgestürzt sind. Als der Bus schließlich fliegt, ist der Himmel nicht nur unfassbar blau und unendlich, sondern zudem von Göttern bewohnt, die sonst nur dem Ruf der Pilze folgen. Und dann Balanka! Meine Güte, Balanka! Kein Wunder, dass der dänische Künstler Jakob Martin Strid 16 Jahre an seinem Werk gearbeitet hat.

Mit dem Überfluss geht die Vielfalt einher. Mag sein, dass für den Bus einige wenige einen Plan gemacht haben, doch bei seiner Entstehung sind viele Hände tätig: kleine und große, von Kindern und Erwachsenen, die alle vor sich hin arbeiten. Oder eben nicht, es braucht schließlich auch Pausen. Diese Momente harmonischer Tätigkeit lassen sich immer wieder in entzückenden, wimmelbildartigen Tableaus bestaunen, auf denen es viel zu entdecken gibt.

Das Motiv der funktionierenden Gemeinschaft zieht sich durch das gesamte Buch: Es gibt keine Hauptfiguren – im Mittelpunkt steht die Gruppe. Hier zeigt sich allerdings leider auch sein einziger großer Fehler: Es herrscht massiver Frauenmangel. Die überwältigende Mehrheit der Figuren sind Jungs und Männer, die zwar, wenigstens das, in einem sehr weiten Altersspektrum auf Augenhöhe agieren – doch warum ohne Frauen? Das bleibt unklar, wie so vieles, was ein weiteres Prinzip des Buches zu sein scheint. Genau wie die Schönheit: Alles ist so unglaublich schön.

Die optimistische Geschichte voller bunter Figuren, die sich gemeinsam ins Abenteuer stürzen, findet allerdings vor einem düsteren Hintergrund statt, der nur angedeutet wird. Es gab wohl einen Atomkrieg, der unter anderem zur Verschiebung der Erdachse führte, die Veränderung einer Stadt wird immer noch ohne Rücksicht auf ihre Bewohner durchgeführt, auch die Polizei ist so vertrauenerweckend wie heute (aber dann, Überraschung!, viel besser als gedacht), und als der Bus durch ein zerstörtes Atomkraftwerk fährt, wird die bedrückende Vergangenheit sehr spürbar. Zumindest für erwachsene Leser, für die der komplexe Hintergrund mit der Zeit immer mehr Facetten bekommt.

Kinder dagegen dürften über all das hinweglesen, denn ständig passiert etwas Neues und es gibt so viel zu sehen! So ist das Buch tatsächlich für alle Altersgruppen geeignet, wozu auch das Artwork erheblich beiträgt. Strid kann alles, von kleinteiligen Zeichnungen mit unzähligen Figuren, an denen er wochenlang gearbeitet haben soll, bis zu nahezu einfarbigen Totalen von Himmel, Schnee oder Graslandschaften, die auf Doppelseitenformat einen Cinemascope-Effekt haben.

Der fantastische Bus ist ein Ereignis, es ist ein Buch zum Staunen und definitiv mehrfach Lesen, es ist ein Bad in schönsten Zeichnungen, getragen von freundlichster Weltsicht, und vermutlich auch von etwas, das sich zwei der Hauptfiguren am Schluss teilen. Noch etwas, was ich noch nie in einem Kinderbuch gesehen habe.

[Peter Lau]

Abbildungen © 2025 Verlag Antje Kunstmann GmbH / Jakob Martin Strid


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