»Vorsicht, du prähistorisches Insekt. Der letzte Typ, der mich vergewaltigen wollte, ist mit einem Luftröhrenschnitt ins Krankenhaus gekommen.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Ich bin ein verlorener Engel – Ein Barcelona-Krimi![]()
Story: Jordi Lafebre
Zeichnungen: Jordi Lafebre
Splitter
Hardcover | 112 Seiten | Farbe | 25,00 €
ISBN: 978-3-68950-166-2
Genre: Krimi
Für alle, die das mögen: Ich bin ihr Schweigen, Unterm Sternenzelt, Maggy Garrisson
Eva ist wieder da! Die junge, bipolare Psychiaterin aus Barcelona hat 14 Monate vor den Ereignissen in diesem Buch einen Mord in einer Winzerfamilie aufgeklärt – einige von euch werden die Geschichte, veröffentlicht als Ich bin ihr Schweigen, kennen. Damals war sie in einer manischen Phase und fegte furios bis total übergeschnappt, aber sehr erfolgreich, durch den Fall, bis die Sache klar war. Begleitet wurde sie dabei von drei Frauen, mit denen sie Gespräche halluzinierte, wenn sie auf Probleme traf. Und am Ende erzählte sie alles ihrem eigenen Psychiater, während eine Kommissarin zuhörte.
Im neuen Buch ist es exakt genauso. Diesmal geht es um einen verschwundenen jungen Fußballspieler, wieder ist Eva in einer manischen Phase, also hyperaktiv, furchtlos und bestens gelaunt, weshalb sie wieder eine Woche ununterbrochen unterwegs sein kann, wieder spricht sie mit drei Halluzinationen und wieder erzählt sie am Ende alles ihrem Therapeuten, während exakt dieselbe Kommissarin wieder mithört. Plumper kann eine Fortsetzung gar nicht sein. Obwohl plump für dieses Buch echt kein guter Ausdruck ist.

Der junge Fußballspieler, um den es diesmal geht, war Evas Patient, und sein Verein will, dass sie ihn aufspürt, weil sie als seine Therapeutin für sein Verschwinden angeblich mitverantwortlich sei. Eva stößt auf der Suche nach ihm auf eine Gruppe Naziskins, einen Mord an einer Prostituierten und schließlich einen psychopathischen Killer, der sich benimmt, als hätte er zu viele Filme über psychopathische Killer gesehen. So richtig böseböse ist allerdings niemand: Jordi Lafebre neigt zu Harmonie im Übermaß (Trotz allem Liebe, Wundervolle Sommer), was seine Alben zu angenehmen Dopamin-Bonbons macht.
Trotzdem schleicht sich von Seite zu Seite mehr das Gefühl ein, alles schon mal gelesen zu haben. Das ist der Fluch des zweiten Albums. Ich kenne das vor allem aus der Musik, wo sehr gute Künstler*innen exzellente Debüts hinlegen und ein Jahr später als zweites Album eine Art Kopie veröffentlichen, die allein schon deshalb enttäuscht, weil sie nicht mehr überraschend, sondern, im Gegenteil, weitgehend absehbar ist. Ökonomisch kann das vernünftig sein – die Fans bekommen, was sie erwarten. Aber oft ist es der Anfang einer Abwärtsspirale, bei der jedes Album ein wenig vorhersehbarer ist als das vorige.

So schlimm steht es um Ich bin ein verlorener Engel allerdings noch nicht, insbesondere am Anfang. Es scheint Richtung Screwball Comedy zu gehen, die Dialoge sind schnippisch und auf den Punkt. Ein amüsanter Höhepunkt ist Evas Besuch bei ihrer Mutter, die recht charmant wirkt, aber wohl mehr Probleme hat als ihre Tochter – sie sitzt in der Klapse. Auch die Nazis, auf die Eva später stößt, sind keine dumpfen Arschlöcher, wie wir sie aus der Realität kennen, sondern lustige Volldeppen, die nichts auf die Reihe kriegen und in ihrer Blödheit nahezu mitleiderregend wirken.
Zudem ist Jordi Lafebre ein guter Zeichner. Seine besten Momente hat er, wenn er mit zarten Strichen die vielfältigen Nuancen von Gesichtsausdrücken einfängt, die komplizierte Gefühle spiegeln. Die wirre Komplexität von Gefühlen steht meist im Zentrum seiner Geschichten – und sie sind seinen Figuren immer anzusehen. Wobei sein Strich in diesem Fall im hinteren Teil etwas fahrig wirkt, hastig geradezu, was ebenso für die Geschichte gilt. Ist das Album vielleicht unter Zeitdruck entstanden oder zumindest so beendet worden?

Am Schluss bleiben viele Fragen offen. Der angeblich mordsgefährliche Killer, den Eva passend nach dem Erzfeind der Schlümpfe Gargamel nennt, killt nicht – wieso? Der junge Fußballspieler hat Trans-Ambitionen – warum weiß das seine Psychiaterin nicht? Ist Eva eine so schlechte Therapeutin? Eine der drei von Eva halluzinierten Frauen aus dem vorigen Band ist verschwunden, dafür taucht jetzt eine andere auf … – wer ist das? Zudem ist der Schluss leider total unambitioniert: Das Motiv waren mal wieder Immobilien, und der Killer erklärt Eva, sie solle die Füße still halten. Wogegen sie nicht viel sagt. Echt jetzt?
Wer das Buch liest, ohne sich viele Gedanken zu machen, wird bestens unterhalten: Lafebre ist ein exzellenter Handwerker, sowohl zeichnerisch als auch dramaturgisch, der Pointen gut setzt, auch mal eine schöne Totale als Ganzseiter auffährt und immer amüsant ist. Gut möglich also, dass das Buch erfolgreich genug ist für eine weitere Fortsetzung. Für die sollte er sich aber bitte etwas mehr einfallen lassen.

[Peter Lau]
Abbildungen © 2026 Splitter / Jordi Lafebre
Den Comic gibt's im gut sortierten Comicfachhandel oder direkt beim Verlag: Splitter
