
»Rückt die Rosen näher, dass der Wein wie Tautropfen auf die Kelche sprudle.«
FRISCH GELESEN: Archiv
Story: Andreas Eikenroth (nach Georg Büchner)
Zeichnungen: Andreas Eikenroth
Edition 52
Softcover | 64 Seiten | Farbe | 17,00 €
ISBN: 978-3-948755-47-8
Genre: Graphic Novel, Literaturadaption
Für alle, die das mögen: Woyzeck, Lenz, Dantons Tod
Der Prinz hat keine Lust zu regieren. Die Prinzessin keine Lust zu heiraten. Beide laufen davon, begegnen sich zufällig und verlieben sich – ohne zu ahnen, dass ausgerechnet sie füreinander bestimmt sind. Was nach einer romantischen Komödie klingt, ist zugleich eine bissige Satire auf höfische Zwänge, politische Rituale und die Absurdität einer Gesellschaft, in der Pflichterfüllung wichtiger ist als der eigene Wille. Georg Büchners Leonce und Lena gehört zu den Klassikern des Deutschunterrichts. Andreas Eikenroth beweist nun, dass dieser Stoff im Comic alles andere als angestaubt wirken muss.
Dabei verzichtet Eikenroth erfreulicherweise auf den heute fast obligatorischen Versuch, den Klassiker zwanghaft in die Gegenwart zu verlegen. Seine Graphic Novel bleibt dem Original erstaunlich treu. Handlung, Figuren und Sprachduktus orientieren sich eng an Büchners Vorlage. Das ist mutig, denn die Sprache des Dramatikers verlangt den Lesenden durchaus Konzentration ab. Gleichzeitig entfalten die Zeichnungen genau jene Leichtigkeit, die der Vorlage im Schulunterricht oft verloren geht. So beweisen die Protagonisten der Komödie mitunter ein erstaunliches Gespür für die Mode des 21. Jahrhunderts. Nichts ist eben verstaubt.

Die Geschichte lebt von ihren Gegensätzen. Leonce langweilt sich in seiner privilegierten Welt zu Tode, Lena sträubt sich gegen eine arrangierte Ehe. Während beide vor ihrem Schicksal fliehen, nimmt Büchner mit feiner Ironie die Mechanismen einer erstarrten Gesellschaft auseinander. Die Figuren wirken wie Zahnräder eines höfischen Apparats, aus dem sie ausbrechen möchten – und landen am Ende doch genau dort, wo sie eigentlich nie hinwollten. Gerade diese Mischung aus Komödie, Liebesgeschichte und Gesellschaftskritik macht den Reiz des Stücks aus und funktioniert auch als Comic erstaunlich gut.

Eikenroth nutzt das Medium dabei auf ungewöhnliche Weise. Jede Seite besteht aus einem einzigen großen Panel. Das verleiht der Graphic Novel einen beinahe bühnenhaften Charakter und erinnert daran, dass Leonce und Lena ursprünglich für die Theaterbühne geschrieben wurde. Gleichzeitig nimmt diese Erzählweise dem Comic stellenweise Dynamik. Wer den Rhythmus klassischer Panelfolgen schätzt, dürfte sich hier gelegentlich mehr Bewegung wünschen. Hinzu kommt ein Zeichenstil, der bewusst überzeichnet und verspielt wirkt. Die grotesken Figuren passen zwar hervorragend zum satirischen Ton Büchners, erscheinen mitunter aber fast zu wild und überdreht. Nicht jede gestalterische Idee zündet gleichermaßen.

Dennoch überzeugt der Band gerade durch seine Werktreue. Eikenroth entstaubt Büchner, ohne ihn umzuschreiben. Er macht den Text zugänglicher, ohne ihn zu vereinfachen, und zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig das Medium Comic klassische Literatur interpretieren kann. Gerade deshalb dürfte Leonce und Lena seinen Platz nicht nur im Comicregal finden, sondern auch im Deutschunterricht. Die Graphic Novel ersetzt die Lektüre des Originals nicht – sie macht aber Lust darauf. Und das ist vermutlich das größte Kompliment, das man einer Literaturadaption machen kann.
[Bernd Hinrichs]
Abbildungen © 2026 Edition 52 / Andreas Eikenroth
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